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Montag, 10. Februar 2025

12.August 1881: Billy the Kid - "Sein wahrer Name war McCarthy"

 Bei allen fantastischen Lügengeschichten, die über das Leben und die Eskapaden von Billy the Kid berichtet wurden: es ist doch davon auszugehen, dass es zu Lebzeiten von "William Bonney" auch im Lincoln County einige Leute gab, die über die wahre Herkunft von "The Kid" Bescheid wussten - oder besser Bescheid wussten als die Sensationsgier verschiedener Zeitungen, die alle für sich beanspruchen wollten, die wahre Herkunft des berüchtigten Outlaws ausgemacht zu haben.

Inmitten dieser zahlreichen Falschmeldungen geht die Wahrheit leicht verloren. Es findet sich aber hin und wieder auch in zeitgenössischen Quellen auch ein Beitrag, der sich entschieden gegen die Sensationslust stellt - und der tatsächlich ein paar belegbare Fakten liefert, anhand derer sich die Herkunft von Billy The Kid - oder eine mögliche Identität - besser herausfinden lässt. Ein solcher Beitrag im Lancaster daily intelligencer (Pennsylvania, 12. August 1881, wohl zuerst abgedruckt im St. Louis Globe-Democrat, Missouri), der als Leserzuschrift wohl in direkter Reaktion auf die Sensationsmeldung in der Philadelphia Times vom 19, Juli 1881 entstanden ist, liefert einiger solche Fakten: Dass sein richtiger Familienname "MacCarthy" gewesen sei; dass er in New York geboren wurde; dass seine Mutter einen "Mann namens Antum" geheiratet habe und sich in Silver City, New Mexico, mit diesem niederließ, und dass dort noch ein Bruder von ihm lebe; dass er dort erstmals mit 15 Jahren wegen Ladendiebstahls verhaftet wurde; und dass er erstmals im Alter von "16 oder 17 Jahren" einen Mann in Arizona tötete. 

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Die meisten Historiker gehen davon aus, dass das hier gezeichnete Bild des jungen "Billy The Kid" der Wahrheit entspricht. Einzig der Vorname war nicht korrekt: Der Junge, von dem hier die Rede ist, hieß nicht "Billy" sondern Henry McCarthy, aber sein Stiefvater hieß William Antrim - und dessen Namen hatte Henry McCarthy angenommen, als er im Alter von 17 Jahren bei Fort Grant einen 32-jährigen Iren namens Frank Cahill im Streit erschoss...

Montag, 20. Januar 2025

3. August 1881 - "Die Geschichte eines Outlaws": Wilde Fantastereien über den Gesetzlosen "Billy the Kid"

 Der Lincoln County War und die Eskapaden von Billy the Kid fielen in eine Zeit, in der Groschenromane über den Wilden Westen, aber aus Sensationsjournalismus in einem vorher noch nie dagewesenem Maß produziert wurden. Die Brutalität des "Cowboy-Kriegs" in New Mexico und die draufgängerische, dramatische Art und Weise, mit der Billy the Kid aus gefährlichen Schießereien und dem Zugriff seiner Häscher ein ums andere Mal entkam, beflügelte die Neugier und Sensationslust von Zeitungslesern im gesamten Land. Bald schon war der gerade einmal 21-jährige Billy der berühmteste und berüchtigste Outlaw der gesamten Vereinigten Staaten.

Und je wilder diese Geschichten wurden, um so mehr entfernten sich die Berichte darüber von der Realität. Noch zu Lebzeiten nahmen die Geschichten über den "Bandenführer" Billy the Kid immer fantastischere Züge an - und nach seinem Tod lieferten sich Zeitungen geradezu ein Wettrennen mit neuen "Enthüllungen" über das Leben des "Banditenkönigs". Diese - meist frei erfundenen - Geschichten sorgen dafür, dass es heute umso schwerer ist, genaue, belegbare Informationen über das Leben des jungen Mannes zu erfahren, der er war, bevor ein junger Mann namens "William H. Bonney" im Herbst 1877 in Lincoln County, New Mexico, auftauchte und sich dort bald als "Billy, the Kid" einen Namen machen sollte.

Ein besonders herrliches Beispiel einer solchen "Enthüllungsstory" über die "Geschichte eines Outlaws" - an der so ziemlich gar nichts stimmt - konnte ich im Clearfield Republican (Clearfield, Pennsylvania) vom 3. August 1881 finden. Der Bericht wurde wohl aus der Philadelphia Times vom 19. Juli 1881 übernommen und entstand damit gerade einmal wenige Tage nach Billy's Tod am 14. Juli 1881. Der Artikel liefert einige Wilde Beschreibungen zu The Kid. Zu meinen persönlichen Highlights zählen ein regelrechtes Kastell ("Castle"), dass Billy und seine Gang in der Wüste von New Mexico bewohnen sollte; dass diese "Festung" ("stronghold") groß und stark genug sei, um über 200 Rinder in ihrem Inneren zu beherbergen und einem Ansturm von Texas Rangern standhalten konnte;  dass der "boy demon" bei seinen Eskapaden einen mit Gold und Juwelen besetzten Hut aus Biberfell tragen sollte, der allein 300$ gekostet haben mag; und dass er in Irland geboren wurde um mit 16 Jahren in Texas erstmals getötet haben soll, nachdem er den Sohn eines reichen Mannes im Handgemenge tötete, nachdem sich dieser abfällig über Billy's Vater geäußert haben soll. 

Nichts davon entspricht der Wahrheit, aber es ist ein spannendes, von erfundenen Zitaten und wilden Eskapaden geprägtes Lesestück!



Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Montag, 25. November 2024

30. März 1866: "Lieferung von 6000 Rindern für die gefangenen Indianer" benötigt

 Die Unterbringung von fast 10.000 Navajo (und zusätzlich 500 Apachen) auf dem Gebiet des Bosque Redondo Reservats nahe Fort Sumner, New Mexico, war ein logistischer Alptraum. Was als ein Geländer zur Selbstversorgung der Natives mit Landwirtschaft angedacht war, war effektive ein Gefangenenlager auf wüstenartigem, für Ackerbau ungeeignetem Gelände. Es fehlte an Material und an Lebensmitteln, um die ab 1863 dort untergebrachten Indigenen zu versorgen. Aus New Mexico heraus konnte der Bedarf ebenfalls nicht gedeckt werden. Ab 1866 schrieb die US-Armee daher landesweit in Zeitungen Aufrufe aus, um Fort Sumner mit bis zu 6000 Rindern zur Versorgung der dort internierten Indianer zu versorgen. Charles Goodnight wurde auf einen dieser Aufrufe aufmerksam und beschloss, 2000 Rinder über eine Strecke von mehr als 600 Meilen von Belknap in Texas nach Fort Sumner in New Mexico zu treiben. Der große texanische Cattle Drive war geboren.

Welche Zeitung es genau war, die Charles Goodnight zu Gesicht bekam und die ihm auf die Idee des Viehtrails brachte ist mir nicht bekannt. Beispiele gab es genug; in der Episode zitierten wir aus einem Blatt in Kansas, aber auch in Zeitungen aus Pennsylvania, Massachusetts oder natürlich konnten wir entsprechende Inserate finden.


Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Das hier gezeigte Inserat stammt aus "The evening telegraph" auf Pittsburgh (Pennsylvania). Der Artikel gibt genaue Vorgaben für Bewerber auf eine Ausschreibung "für die Lieferung von 6000  Rindern auf der Hufe für den Gebrauch für die gefangenen Indianer bei Fort Sumner, New Mexico" (Interessanterweise wird hier kein Hehl daraus gemacht, dass das Bosque Redondo Reservat nichts anderes als ein Internierungscamp war). Die Lieferungen sollen am 1. Juli 1866 erfolgen und aus 500 Kopf Rind bestehen, mit Folgelieferungen auf Absprache. Das Rind muss "zwischen drei und fünf Jahre alt sein, mindestens 400 Pfund wiegen [...] und von bester vermarktbarer Qualität [sein]". Jedes Gebot muss zudem von zwei verantwortlichen Personen gezeichnet werden.

Goodnight holte sich Oliver Loving als Partner und trieb mit ihm zusammen 2000 Rinder nach Fort Sumner (gut möglich, dass die Kopfzahl an Rind für Ausschreibungen später erhöht wurde, oder dass er sich eine gute Abnahme erhoffte, wenn er mit zusätzlichen Rindern direkt auftauchte). Am Ende konnte er davon 1200 Tiere verkaufen; während Goddnight nach Texas zurückkehrte und bereits den nächsten Treck vorbereitete, zog Oliver Loving weiter bis nach Colorado, um dort die restlichen Rinder zu verkaufen. Nach den beiden Pionieren des Cattle Drives wurde der Goodnight-Loving-Trail benannt - und die große Wildwest-Tradition der Vieh-Trecks war geboren.


Donnerstag, 10. Oktober 2024

21.8.1895: "He was Bad" - John Wesley Hardin tot, El Paso erleichtert

 Das John Wesley Hardin ein berüchtigter Revolverheld mit einem aufbrausendem und leicht reizbaren Temperament, haben wir in unseren Podcast-Folgen ausführlich besprochen. Nicht zu unrecht gilt Hardin als der Wildwest-Outlaw, der die meisten Menschenleben auf dem Gewissen hat.

Mit welcher Erleichterung allerdings die Zeitungen in El Paso die Nachricht aufgenommen haben, dass Hardin in einem Saloon von Constable John Selman Sr. regelrecht ermordet wurde, hat mich dann doch überrascht:

Hardins Death -
Hardins Death - "He was bad" 21 Aug 1895, Wed El Paso Times (El Paso, Texas) Newspapers.com

Ja, "die Bürger von El Paso haben erleichtert aufgeatmet, als sie gestern früh in der TIMES die Nachricht von der Tötung von John Wesley Hardin Montag Nacht im Acme [Soloon] durch John Selman gelesen haben. Einige sagen es war Mord, aber alle sind sich einig dass das zu erwarten war. Drei von vier Personen sagen dass Captain Selman das richtige getan hat, als er Hardin tötete und dabei kein Risiko einging [Selman schoss Hardin von hinten mit einem Gewehr in den Kopf], während die vierte zugab dass Hardin's Tod gut für El Paso ist, aber dass sie denken, er hätte "eine Vorführung für seinen weißen Verbündeten" bekommen sollen."

Die El Paso Times zeichnet anlässlich des Todes auch ein sehr wenig schmeichelhaftes Bild vom Leben John Wesley Hardins und widmet dem Ereignis fast eine gesamte Seite seiner Ausgabe. Auch wenn Hardin berühmt, berüchtigt und womöglich auch respektiert wurde während seiner letzten Lebensmonate in El Paso - sonderlich hoch geschätzt wurde er offensichtlich nicht.


Mittwoch, 18. September 2024

4000$ - Tot oder lebendig!

 Die meisten "Wanted"-Plakate, die man bei oberflächlichen Suchen im Internet zu sehen bekommt, tragen unfassbar inflationäre Kopfgeldsummen von oft mehreren Tausend Dollars. Tatsächlich betrugen Kopfgelder selten mehr als einige wenige Hundert - selbst auf den berüchtigten "Billy The Kid" wurden nach seiner Flucht aus dem Gefängnis 1881, "nur" 500 Dollar ausgeschrieben und bei dieser Flucht hat er immerhin drei Menschen getötet. Die Summe ist aber gar nicht gering,  wenn man bedenkt, dass ein Dollar im Jahr 1881 nach heutigen Verhältnissen eine Kaufkraft von mehr als 30 Dollar hätte.

Es gibt aber auch Ausnahmen, und eine davon gilt niemand geringerem als dem wohl tödlichsten Revolverhelden seiner Zeit: John Wesley Hardin.

Im Januar 1875 beschloss der Senat von Texas, angestoßen vom Gouverneur höchstpersönlich, mit einer überwältigenden Mehrheit von 69 zu 9 Stimmen, dass der Staat Texas auf die Ergreifung John Wesley Hardin ein Kopfgeld von 4.000$ aussetzen würde - tot oder lebendig! Zu diesem Zeitpunkt wurden Hardin bis zu 27 Morde zugeschrieben. Nach einigen modernen Schätzungen könnte die Zahl bei bis zu 42 liegen - die meisten davon in einem Zeitraum von weniger als sechs Jahren.

reward for Hardinreward for Hardin 21 Jan 1875, Thu The Austin Weekly Statesman (Austin, Texas) Newspapers.com

Montag, 2. September 2024

12. März 1884: "Eine blutige Tragödie" - Hinterhalt im Vaudeville-Theater

 In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1884 wurden die beiden berüchtigten Revolverhelden (und zweitweise Gesetzeshüter) Ben Thompson und King Fisher bei einem Hinterhalt im Vaudeville Theatre von San Antonio getötet. Am Tag darauf berichtete die Tageszeitung "San Antonio Light" ausführlich über den Vorfall. 

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 31st, 2024

Der Artikel geht noch deutlich weiter und nimmt fast die gesamte Titelseite der Ausgabe (und Folgebeiträge auf den weiteren Seiten) ein. Doch obwohl dem Geschehen so viel Platz eingeräumt wird, und obwohl das Vaudeville Theatre an jenem Abend sehr gut besucht war und zahlreiche Zeugen einen Streit zwischen Thompson und Joe Foster (einem der Betreiber des Etablissements) gesehen und sogar mit wörtlichen Zitaten belauscht haben wollen - den genauen Schusswechsel, oder wer zuerst zur Waffe gegriffen haben soll, will keiner wirklich gesehen haben.

Im Nachgang gilt als gesichert, dass weder Thompson noch Fisher eine einzige Kugel abgefeuert haben - die beiden kamen wahrscheinlich nicht einmal dazu, eine Waffe zu ziehen. Sehr wahrscheinlich hatten Foster und einige andere Gäste des Vaudeville Theatre vielmehr die Gelegenheit genutzt, den bei ihnen unbeliebten Thompson (der ein Jahr zuvor Jack Harris, den vormaligen Besitzer des Vaudeville Theatres, erschossen hatte, angeblich in seiner Tätigkeit als Gesetzeshüter) beiseite zu schaffen, und ihm daher dort in einen Hinterhalt gelockt - King Fisher, der lediglich seinen Freund Thompson begleiten wollte, war dabei mit in den Kugelhagel geraten.

Der Artikel erwähnt, dass auch Joe Foster bei dem Schusswechsel verwundet wurde. Hinterher sollte sich herausstellen, dass er sich höchstwahrscheinlich im Eifer des Gefechts beim Ziehen seiner Waffe ins Bein geschossen hatte. Infolgedessen sollte Foster ebenfalls einige Tage später aufgrund von Wundbrand sein Leben lassen.

Montag, 5. August 2024

21.4.1881: "Die Grenzen des Telefons sind noch nicht gründlich erprobt..."

Ich finde es immer wieder faszinierend, zu sehen, wie revolutionär heute selbstverständliche Technologien damals in den Jahren ihrer Erfindung waren - und wie unterschiedlich diese damals aufgenommen wurden. Anfang April 1881 wurde zwischen New Orleans (Louisiana) und dem etwa 330 Kilometer nördlich gelegenem Vicksburg (Mississippi) eine permanente Telefonleitung gelegt und nach einigen Tests dauerhaft beibehalten. Vielen überregionalen Zeitungen (und auch einigen in den betreffenden Staaten selbst) war dies keine größere Meldung wert. Allerdings habe ich in zwei texanischen Zeitungen, die beide am 21. April 1881 erschienen sind, kurze Meldungen zu diesem Ereignis gefunden. 

Der "Daily Democrat" aus Fort Worth wagt sich an eine - zu diesem Zeitpunkt alles andere als selbstverständliche - Prognose: "Die Grenzen des Telefons sind noch nicht gründlich erprobt, aber es ist genug bekannt, um zu rechtfertigen, dass sie in einigen Jahren den Telegraphen in erheblichem Maße verdrängen werden. Vor einigen Tagen wurden Experimente zwischen New Orleans und Vicksburg durchgeführt, die so zufriedenstellend verliefen, dass zwischen den beiden Städten eine Telefonzentrale eingerichtet wurde. Ein Kaufmann aus Vicksburg bestellte Waren bei seinem Korrespondenten in New Orleans, und der Ton wurde so korrekt übertragen, dass die Stimme des einen vom anderen erkannt wurde."

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 5th, 2024

Im Vergleich dazu haben die "Galveston Daily Newspaper" für diese Meldung gerade einmal 8-9 Worte übrig: "New Orleans ist nun mit Vicksburg telefonisch verbunden" heißt es dort lapidar. Viel wichtiger scheint in den Augen der Zeitung dagegen die Nachricht zu sein, dass das Pariser Modehaus Worth nun auch "Korsetts für Gentlemen" bewirbt! 

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 5th, 2024



Nebenbei wird hier auch die (nicht ganz uninteressante) Notiz erwähnt, dass für das Jahr 1881 ungefähr eine halbe Million Emigranten aus Europa in den USA erwartet werden, und das, falls der Fall des "drohenden Exodus aus Böhmen" eintrete, diese Zahl auf eine Million steigen könnte. Mir ist nicht ganz klar, auf welchen "drohenden Exodus" hier verwiesen wird; Zwar waren aus Böhmen durchaus (wie aus anderes Gebiete des Deutschen Reichs oder des Österreichischen Kaiserreichs auch) zwischen 1848 und 1910 zahlreiche Einwohner nach Amerika ausgewandert, aber für die frühen 1880er Jahre wäre mir kein Anlass für eine besonders große Auswanderungswelle bekannt.

Sonntag, 28. Juli 2024

19. April 1909: Diakon Jim Miller, aka "Miller, the Killer", wird gelyncht

 Am 19. April 1909 fand die "Laufbahn" des bibelfesten Auftragsmörders Jim Miller ein jähes Ende: "Killer Miller" wurde von einem aufgebrachten Lynchmob aus seiner Gefängniszelle in Ada, Oklahoma, gezerrt und zusammen mit drei Komplizen an einem Dachbalken einer im Bau befindlichen Scheune aufgehängt.

Jim Miller lynched
Jim Miller lynched 23 Apr 1909, Fri Carlsbad Current-Argus (Carlsbad, New Mexico) Newspapers.com

Nachdem er im Auftrag dreier Rancher einen konkurrierenden Rinderzüchter namens A.A. Bobbitt ermordet hatte, verpfiff ein Mitwisser der Tat Miller und seine Komplizen an die Justiz. Jim Miller, dem zwischen den Jahren 1894 und 1909 wenigstens zwölf Morde zugeschrieben werden (die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch deutlich höher), hatte es bis dahin bestens verstanden, dem Gesetz auszuweichen. Obwohl er mehrmals wegen Mordanklagen vor Gericht landete, besaß Miller immer ein Alibi für seine Taten und verstand es bestens, keine Beweise zu hinterlassen. In der Nacht bevor er Sheriff "Bud Fraser" in Pecos City ermordete soll der gläubige Methodist Miller - der als so religiös galt, dass er in seinem Heimatort auch als "Deacon Jim", also Jim der Diakon, bekannt war - zu Hause eine Bibellesung gehalten haben. Anschließend ritt er in finsterer Nacht 40 Meilen nach Pecos City, vollstreckte seine Tat und ritt umgehend zurück, um am nächsten Morgen zu Hause die Kirche aufsperren zu können.

Auch wenn in weiten Teilen von Oklahoma und Texas Miller als "Killer" berüchtigt war, kam es nie zu einer Verurteilung. Daher fasste die Bevölkerung von Ada, Oklahoma, den Beschluss, nach seiner jüngsten Tat nicht ein weiteres Mal auf eine Verurteilung Millers zu hoffen und statt dessen das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Augenzeugen zufolge soll Miller die Taten des Lynchmobs gelassen abgewartet haben und am Ende noch kaltschnäuzig darum gebeten haben, man möge ihm doch bitte seinen Hut aufsetzen, als er bereits den Strick um den Hals gelegt bekam.

Jim Miller- hanging : page 1
Jim Miller- hanging : page 1 19 Apr 1909, Mon Abilene Semi-Weekly Farm Reporter (Abilene, Texas) Newspapers.com

Mittwoch, 24. Juli 2024

Kuriose Anzeigen aus dem Wilden Westen

Beim Durchstöbern alter Zeitungen aus der Zeit des Wilden Westens fallen mir immer wieder die Anzeigen auf, die aus heutiger Sicht kurios oder sonderbar erscheinen. In diesem Blogpost wollte ich einmal eine kleine Auswahl solcher Werbungen auflisten. 


Auslöser dieser kleinen Werbeschau ist diese Anzeige für Asbest-Dachdecken, gefunden im "The Daily Independent" aus Laramie City, Wyoming vor genau 150 Jahren (24. Juli 1874). "Praktisch Feuerfest", "weist Wasser effektiv ab", "das beste Produkt im Markt" - in solchen und ähnlichen Tönen werden die Wunder und Vorzüge aufgelistet, warum die (zu diesem Zeitpunkt) etwa 1000 Einwohner von Laramie ihre Häuser mit dem (heute nachweislich als gesundheitsschädlich und gefährlich bekanntem) Asbest decken sollten! 



Kokain gegen Haarausfall? Das scheint diese Anzeige aus dem Jahr 1879 zu implizieren! Die stimulierende Wirkung von Kokain galt in diesen Tagen als regelrechtes Wundermittel. Es ist nicht ganz klar, ob es sich in diesem Fall nicht eventuell um Etikettenschwindel handelt: Eine Flasche des Produkts aus dem Jahr 1906 soll laut Smithsonian Institute einfach nur zu je 50% aus Alkohol und Kokosfett bestehen... deswegen wohl auch "CocoA-ine". Aber in den 1880er Jahren war Kokain in mehreren Patentarzneimitteln enthalten: Kokain-Lutschtabletten wurden als wirksame Mittel gegen Husten, Erkältungen und Zahnschmerzen empfohlen (wie die unten gezeigte Anzeige aus dem März 1885 verdeutlicht). Ärzte und Apotheker verschrieben es häufig zur Behandlung von Verdauungsstörungen, Melancholie, Schmerzen und sogar zur Linderung von Erbrechen in der Schwangerschaft. Kokain war weithin verfügbar und konnte rezeptfrei erworben werden. Es wurde in Hustenmitteln, Einläufen und Umschlägen verwendet. Bis 1885 wurde Kokain in verschiedenen Formen verkauft - als Zigaretten, Pulver und sogar als Injektion mit einer Nadel. In der Medizin wurde es häufig als Lokalanästhetikum verwendet.


Allerdings kam Kokain um die Jahrhundertwende mehr als Droge in Verruf und verschwand um diese Zeit immer mehr aus handesüblichen Produkten. Ein Paradebeispiel: Im Jahr 1885 führte ein gewisser John Styth Pemberton aus Atlanta, Georgia, der zuvor Patentarzneimittel wie Triplex Liver Pills und Globe of Flower Cough Syrup hergestellt hatte, „French Wine Coca“ im Markt ein, das als „ideales Nerven- und Stärkungsmittel“ beworben wurde. Das Produkt basierte in hohem Maße auf dem Extrakt von Cocablättern. Im Jahr (1886) darauf brachte Pemberton einen Sirup namens „Coca-Cola“ auf den Markt, der nach einem Extrakt aus der Kolanuss benannt war. Zu verschiedenen Zeiten wurde er als „bemerkenswertes therapeutisches Mittel“ und als „souveränes Heilmittel“ für eine lange Liste von Beschwerden, einschließlich Melancholie und Schlaflosigkeit, beworben. Coca-Cola enthielt einst schätzungsweise neun Milligramm Kokain pro Glas. (Zum Vergleich: Eine typische Dosis oder „Linie“ von Kokain beträgt 50-75 mg.) 1903 wurde das Kokain schließlich aus dem "Coca-Cola" Sirup entfernt.


Schrotflinten und Kakao - Diese Anzeige aus einer Zeitung in Missouri aus dem Jahr 1879 finde ich vor allem wegen der - heute eher befremdlichen - Kombination der beworbenen Produkte amüsant.

"Die größte Show auf Erden" - P.T. Barnum kommt nach St. Louis! Der Schausteller war für seinen wandernden Zirkus - und nicht nur für die darin gezeigten artistischen Darbietungen, sondern auch für die ausgefeilten "Wunder und Sensationen" - die häufig nicht viel mehr waren als mit erfundenen Hintergrundgeschichten ausgestatteten Tricks und Täuschungen" - im ganzen Land berühmt. Da es Barnum aber auch wie kaum ein anderer in dieser Zeit verstand, die Werbetrommel zu rühren (wie diese ganzseitige Anzeige im St. Louis Post-Dispatch vom 11. August 1879 eindrücklich zeigt), gelang es ihm dennoch, Tausende Schaulistiger in seine Shows zu ziehen. "There's a sucker born every minute" ("Jede Minute wird ein Trottel geboren") ist ein Ausspruch, der dem "größten Showman aller Zeiten" gerne zugeschrieben wird.


Wo bekamen Bürger im Wilden Westen, vor 150 Jahren, ohne Internet und fernab jeder Buchhandlung, Gesetzestexte oder Vorlagen für rechtliche Dokumente und Urkunden her? Natürlich von ihrer lokalen Tageszeitung, wie der Cheyenne Daily Leader (Cheyenne, Wyoming) am 24. Juli 1874 selbst bewirbt. Amüsant auch, dass zwischen diese Eigenwerbungen auch eine Kleinanzeige zum Verkauf zweier Stuten samt Junghengsten eingebettet ist.


Warnung vor Nähmaschinen-Plagiaten, gefunden in der "Freien Presse für Texas" (San Antonio, Texas) aus dem März 1881. Auch im tiefsten Texas ist diese Anzeige irgendwie typisch deutsch, bewirbt sie doch Qualitätsarbeit, 6 Jahre Garantie und den Verweis, "echte" White-Nähmaschinen nur von "regulären authorisierten Verkäufern" zu beziehen. Und wo wir schon bei der deutschen Gemeinde im texanischen Wilden Westen sind...



...den etwa 4.000 Einwohnern des texanischen Ortes Brenham schien überaus wichtig gewesen zu sein, in welchen Lokalitäten überall der Mai-Bock von Anheuser-Busch bezogen werden kann, wie dieser Ausschnitt vom 24. April 1881 verdeutlicht (die 9 hier gezeigten Kleinanzeigen sind beileibe nicht die einzigen!). 



Mittwoch, 17. Juli 2024

Vor 150 Jahren: "2000 Cheyenne, Kiowa und Arapaho auf dem Kriegspfad"

 Der Daily Express aus San Antonio, Texas, hält in seiner Freitagsausgabe vom 17. Juli 1874 die folgende Nachricht für seine Leser bereit: 

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed July 17, 2024

"John D. Miles, Indianeragent der Cheyenne und Arapahoe Agency am North Fork of Indian River, telegraphiert am 7. Juli aus Osage City, Kansas, nach Washington, dass 2000 Cheyennes, Kiowas und Arapahoes auf dem Kriegspfad sind. Er sei mit einer kleinen Eskorte von der Agency nach Osage City gereist, wisse von fünf ermordeten Männern, von denen einige an ihre Wagen gefesselt und verbrannt worden seien, und er fürchte um die Sicherheit anderer Züge. Er fordert lautstark Truppen zur Bestrafung dieser Indianer. Sie hatten auch eine Ranch am Canadian River überfallen, drei Weiße getötet und wurden zurückgeschlagen, wobei sie elf ihrer Leute verloren.

In der Depesche heißt es, Kommissar Smith habe im vergangenen Jahr empfohlen, diese Stämme, die in Texas zahlreiche Raubzüge verübten, vollständig zu unterwerfen und sie zu zwingen, ihre Anführer aufzugeben. Dies wurde nicht getan, und die Unruhen gehen jetzt von demselben turbulenten Teil der Stämme aus, von denen die meisten friedlich im Reservat Fort Sill leben, wo Satanta, Big Tree und ihre anderen prominenten Häuptlinge noch immer in Übereinstimmung mit ihrer Vereinbarung leben."

Dieser Artikel ist beispielhaft für eine Reihe anderer Beiträge, die in der Zeit der sogenannten Indianerkriege gedruckt wurden und welche die Spannungen zwischen weißen Siedlern und Natives, vor allem in Regionen wie Kansas oder Texas, darlegten. 

Zum Hintergrund: Schon vor dem Bürgerkrieg hatten die Spannungen zwischen indigenen Völkern - speziell in diesem Fall Cheyenne, Kiowa und Arapahoe - und weißen Siedlern zugenommen, als nach Goldfunden auf dem Gebiet der Natives Siedler in ihr Gebiet vordrangen und die amerikanische Regierung, statt die Siedler zurückzuhalten, alte Verträge mit den einzelnen Stämmen ignorierte oder einseitig aufkündigte. Als der amerikanische Bürgerkrieg begann, verbündeten sich Cheyenne, Kiowa und Arapahoe mit dem Ziel, den "Bruderkrieg zwischen den Staaten" zu nutzen und die Weißen auf eigene Faust zurückzudrängen. Die US Armee reagierte drastisch: am 29. November 1864 griffen im "Sand Creek Massacre" etwa 700 Soldaten der 3rd Colorado Cavalry unter Leitung des US volunteer General John Chivington ein mutmaßliches Kriegslager der Kiowa und Arapahoe an. Doch statt eines Kriegerlagers fanden die Soldaten friedliche, zivile Natives vor. Als die  einseitige "Schlacht" vorüber war, waren (nach einigen Schätzungen) bis zu 600 Cheyenne und Arapahoe tot - die meisten davon Frauen und Kinder. Ironnischerweise befanden sich unter den getöteten Stammesführern der beiden Völker überwiegend jene, die versucht hatten, auf ein friedliches Miteinander zwischen Natives und weißen Siedlern hinzuarbeiten. Statt dessen schlugen sich die meisten Kämpfer der indigenen Allianz nun auf die Seite der sogenannten "Dog Soldiers", Kriegshäuptlingen wie Satanta oder Big Tree, die den aktiven Krieg mit den Weißen suchten (Satanta hatte tatsächlich zuvor selbst zu den gemäßigten Kiowa gehört, die eher den Frieden suchten). Trotz diverser neuer Friedensverträge sollten sich die Feindseligkeiten über diesen Vorfall noch jahrzehntelang erhalten - und in Kriegsbanden wie der im obigen Artikel erwähnten niederschlagen. Speziell die Kiowa sollten unter dem Vorfall nachhaltig leiden, war ein großer Teil ihrer Führungsstruktur in diesem Angriff getötet worden; der "letzte Häuptling der vereinten Kiowa", Dohäsan, starb 1866, und das Volk zersplitterte in kleinere Stammesverbände. (Der Vermerk über den "friedlichen Verbleib" Satantas ist  in diesem Beitrag auch sehr bitter ironisch: Satanta war bis September 1873 im Staatsgefängnis von Huntsville inhaftiert, doch nachdem einige Augenzeugen schworen ihn bei einem Angriff der Kiowa bei der zweiten Schlacht von Adobe Walls gesehen zu haben - seine Präsenz dort ist bis heute umstritten, nicht zuletzt weil die Schlacht Ende Juni 1874 stattfand, während der hier gezeigte Artikel angibt, dass sich Satanta weiter in seiner Reservation aufhalte - wurde er im Oktober 1874 erneut verhaftet und in Huntsville inhaftiert, wo er 4 Jahre später Selbstmord beging).

Freitag, 28. Juni 2024

Vermischtes: "Eine Uhr schmückt nun das Schreibzimmer des Komantschenhäuptlings"

Wenn ich alte Zeitungen aus der Zeit des "Wilden Westens" durchblättere werfe ich immer gerne einen Blick auf die Kurznachrichten. Diese oft nur in jeweils 2-4 Zeilen wiedergegebenen Beiträge vermitteln oft einen besseren Eindruck über das, was die Bewohner in diesen Tagen alltäglich beschäftigt und interessiert hat als die großen Artikel über einmalige Ereignisse. 


Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 28, 2024

Das hier gepostete Beispiel zeigt eine Reihe von Kurznachrichten aus dem "Brenham Daily Banner" vom 24. April 1881, erschienen im texanischen Örtchen Brenham (das zu diesem Zeitpunkt etwa 4000 Einwohner hatte). Hier finden sich viele Beispiele von typischen Themen wieder, die in jenen Tagen und Gegenden regelmäßige Relevanz hatten: Wetter und Landwirtschaft spielen eine große Rolle ("Der Späte Frost hat die erste Ernte in Milam County zerstört"; Baumwollsamen sind in der Gegend von Waelder in Gonzales County sehr knapp"); Wildwest-Kriminalität ("Pferdediebe haben vergangene Woche in Rockwell zugeschlagen"); Krankheiten und Seuchen ("Die Häftlinge in Jefferson sitzen gerade eine Zeit Mumps und Masern ab"; "Es gibt Mumps, Masern, Scharlach und Keuchhusten in und um Giddings, infolgedessen sind die Schulen vorübergehend geschlossen"); amüsierte Beobachtungen ("George Washington lenkt einen Lumpensammlerwagen in Austin, und Thomas Jefferson verkauft Eiskrem in Brenham"); und Nachrichten von gesellschaftlichem Interesse ("Die beiden vielversprechendsten Witwer von Caldwell haben sich jüngst neu verheiratet"; "James C. Francis, langjähriger Bürger von Austin, ist kürzlich verstorben").

Und mitten in diesen allgemeinen, aber fast banal anmutenden alltäglichen Nachrichten steht plötzlich diese Notiz: "Eine Uhr ziert nun das Schreibzimmer des Komantschenhäuptlings. Sie macht sich schick."

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 28, 2024

Es sind nur vier kurze Zeilen, aber sie erzählt so viel und wirft gleichzeitig so viele Fragen auf. Es zeichnet ein Bild eines Natives, das wahrscheinlich in dieser Zeit gar nicht einmal so nicht unüblich war und das doch im Widerspruch zu den heute geläufigen Western-Klischees steht: Ein indigener Häuptling, der ein typisches zivilisiertes Schreibzimmer besitzt, in dem natürlich auch eine Uhr steht. Tatsächlich interagierten Comanchen und "weiße Texaner" in diesen Tagen viel miteinander; Quannah Parker, der oft als "der letzte [Kriegs-]Häuptling der Comanchen" bezeichnet wird, war beispielsweise in diesen Tagen ein Geschäftspartner des bekannten texanischen Ranchers Charles Goodnight. Gleichzeitig zeigt es die Ignoranz der "weißen Texaner" gegenüber ihren indigenen Nachbarn, spricht der Beitrag doch von "DEM Komantschen-Häuptling", nennt ihn aber nicht bei Namen - wer ist hier denn gemeint? (Die Comanche sind weniger ein einzelner Stamm als vielmehr eine indigene Nation, die sich aus mehreren Stämmen zusammensetzt - und daher mehrere "Häuptlinge" bzw. Anführer haben kann.) Dennoch mag es 1881 noch kurios genug erschienen zu sein, dass die Zeitung es für nötig hielt, hier einen kurzen Beitrag zu verfassen. 

Dienstag, 11. Juni 2024

14. April 1881: Vier Tote in fünf Sekunden

Am 14. April 1881 ereignete sich in den Straßen der texanischen Boomtown El Paso, nahe der mexikanischen Grenze, eine der berühmtesten Schießereien des Staates Texas. Der Schießerei war ein Streit über in Mexiko gestohlene Rinder und die Ermordung zweier Mexikaner, die den Rinderdieben nachstellten, vorangegangen. Die getöteten Männer waren in der Nähe der Ranch eines gewissen John Hale gefunden worden.An der Schießerei beteiligt war Dallas Stoudenmire, der selbst erst drei Tage zuvor zum Marshal des rapide wachsenden Städtchens berufen worden war.

Die Schießerei wurde auch als der "Four Dead in Five Seconds Gunfight" bekannt und war, wie der Name andeutet, schnell vorüber und äußerst tödlich. John Hale und ein mit ihm befreundeter Rancher namens Georga Campbell - selbst ehemaliger Town Marshal von El Paso  - waren mit einem Deputy namens Gus Krempkau in Streit geraten. Krempkau hatte bei einer Anhörung hinsichtlich der getöteten Männer für die anwesenden Mexikaner spanisch übersetzt und dadurch in den Augen von Campbell und Hale zu sehr für die Mexikaner Partei ergriffen - stand doch implizit auch der Vorwurf im Raum, dass Angestellte Hale's in den vorausgegangenen Rinderdiebstahl und die Ermordung der zwei Mexikaner involviert gewesen sei. Während der Konfrontation zog ein stark angetrunkener Hale einen von Campbell's Revolvern und schoss - ob absichtlich oder unabsichtlich ist nicht geklärt - auf Krempkau, der tödlich getroffen zu Boden ging. Von dem Schuss aufgeschreckt sprang Dallas Stoudenmire, der eben auf der anderen Straßenseite zu Mittag gegessen hatte, auf, zog seine beiden Kaliber .44 Smith & Wesson Revolver und rannte aus beiden Waffen schießend auf die Straße. Nachdem die auch als “Battle of Keating’s Saloon" bekannte Schießerei nach nur wenigen Sekunden vorbei war, waren vier Männer tot oder lagen im Sterben: Krempkau, Hale, Campbell sowie ein weiterer unbeteiligter Mexikaner, der wohl von einer von Marshall Stoudenmire's Kugeln in den Rücken getroffen wurde als er versuchte wegzulaufen.

Die Nachricht über den Schusswechsel verbreitete sich in Windeseile und fand sich im Lauf der folgenden Woche in Zeitungen in den gesamten Vereinigten Staaten wieder, an Ost- und Westküste gleichermaßen. Am genauesten berichtete dabei noch die deutschsprachige "Freie Presse für Texas" über den Vorfall, die  sich in ihrem Bericht noch die Mühe machte, auch die Hintergründe der kurzlebigen und fatalen Schießerei aufzurollen:

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 11, 2024

Die meisten Zeitungen, die landesweit von den Vorfall berichteten, druckten in weiten Teilen den selben wohl via Telegraphen verbreiteten Bericht ab, der allerdings bereits einige Fakten durcheinander brachte: Statt von einer Schießerei, die effektiv im Streit über zwei ermordete Mexikaner ausgebrochen ar, zu berichten heißt es hier nun, während der Schießerei seien zwei (nicht ein) Mexikaner getötet worden; und Deputy Krempkau, der von Hale und Campbell als "Mexikaner-Freund" beschimpft worden war, wurde posthum selbst zum Mexikaner gemacht.

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Interessant übrigens, wie in einem Fall von Flüsterpost der -falsche- Grundtenor des Artikels erhalten bleibt, aber die Zeitungen selbst den ungewöhnlichen Namen "Krempkau" stets in einer anderen Falschen Variante wiedergeben. Die Freie Presse für Texas hatte ihn noch richtig genannt, in diesem Beitrag wird er hingegen "Kremkan" genannt; in anderen Versionen wird aus dem Namen etwa ein "Kremkaw" (Daily Los Angeles Herald, Kalifornien); "Kreman" (Watertown Republican, Watertown, Wisconsin); oder gar "Kremalus" (Eureka Daily Sentinel, Nevada).

Dallas Stoudenmire sollte nach dieser Schießerei im gesamten Land bekannt werden, auch wenn die Zeitungen in den ersten Tagen nach dem Vorfall nur recht wenig über die Identität des "Town Marshals", der "ohne Erfolg versucht hatte "die Unruhe zu dämpfen" (tatsächlich saß er als der Vorfall begann auf der anderen Straßenseite im Saloon seines Schwagers beim Mittagessen). Drei Tage später sollte ein ehemaliger Deputy Marshal namens Bill Johnson, der von Stoudenmire am Tag seiner Amtseinführung gefeuert und gedemütigt worden war, ein erfolgloses Attentat auf Stoudenmire durchführen. Dies sollte den Ruhm von Dallas Stoudenmire über die Grenzen des Staates Texas hinaus bekannt machen. Unter anderem berichtet der "Deutsche Correspondent" aus Baltimore, Maryland, am 20. April 1881 über "Stadtmarshall Dallas Studemeyer"...

 
Quelle: Chronicling America - Library of Congress

...wenngleich auch hier die Details ein wenig durcheinander gerieten (Bill Johnson war nur ein ehemaliger Deputy Marshal gewesen; Stoudenmire hatte aber während des "Four Dead in Five Seconds Gunfight" seinen Amtsvorgänger George Campbell erschossen).

El Paso war übrigens in diesen Tagen als ein heißes Pflaster bekannt: Ein Städtchen nahe der mexikanischen Grenze, durch welches drei Eisenbahnlinien liefen. Speziell die zwei direkten Eisenbahnverbindungen zwischen den USA und Mexiko, die in diesem Ort Halt machten, und der gleichzeitig boomende Rindermarkt ließen El Paso in Windeseile wachsen: Anfang 1880 hatten noch gerade einmal zwischen 700 und 800 Einwohner in dem Örtchen gelebt, doch bis zum April 1881 sollte diese Zahl bereits auf etwa 6000 anschwellen! Das machte El Paso selbst innerhalb von Texas als einen besonders wilden und gesetzlosen Ort bekannt, der in diesen Tagen auch unter dem Spitznamen "Hell Paso" bekannt wurde. Der "Brenham Daily Banner" (Brenham, Texas) hielt am 19. April 1881 die folgende nette Beschreibung über El Paso bereit:

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 11, 2024

"Man stelle sich die Straßen von San Angela vor, nur mit den Dächern allesamt flach, und etwa 1000 betrunkene Männer, Eisanbahnarbeiter, Glücksspieler und Abenteurer die durch die Straßen torkeln, streiten und johlen, und man hat eine ziemlich akkurate Vorstellung von El Paso wie es gerade ist. Dass dort eines Tages eine gute Stadt entstehen wird, oder wahrscheinlich eher ein Stückchen weiter flußabwärts, daran hege ich keine Zweifel."


Montag, 27. Mai 2024

"Die Besitzer von Rinderherden im großen Südwesten sind die erklärten Feinde der Schafzüchter"

 Die große Zeit der Rinderherden auf der Open Range wird oft romantisch verklärt, doch um das offene Weideland wurde bisweilen regelrecht Krieg geführt - zumindest von einer Seite: Den Rinderzüchtern, ob groß oder klein, war die Präsenz von Schafen auf dem Weideland regelrecht verhasst! Schafe, so hieß es, fräßen die Landschaft derart kahl, dass in der nächsten Saison kein Gras mehr für die Rinder nachwachse; sie jagten Rindern Angst ein und treibe Sie zur Flucht; sie brächten Krankheit und verbreiteten Gestank, so dass die Rinder Tränken meiden würden. Die Wahrheit war für gewöhnlich viel banaler: Die Rinderzüchter wollten keine Konkurrenz um "ihr" Weideland sehen, und nutzen ihre personelle Stärke - Rinderzüchter konnten viele Ranchhands und Cowboys anheuern, während Schafhirten meist nur in geringer Zahl zu zweit oder zu dritt unterwegs waren - aus, um die Konkurrenz einzuschüchtern - gelegentlich mit fatalem Ausgang.

Auch wenn die "Schafkriege" meist in das Ende des 19. Jahrhunderts gelegt werden, brannte der Konflikt für eine sehr lange Zeit: Bereits am 13.Oktober 1877 titelte die Wochenzeitschrift "Harper's Weekly" landesweit, dass in den Plains des Südwestens - womit meist die Regionen Arizona, New Mexico,  Colorado, Nevada, Oklahoma, Texas und Utah gemeint sind - die Rinderbarone den Schafzüchtern ewige Feindschaft geschworen hätten. Speziell in Colorado seien vermummte Cowboys, die Schafhirten bedrohen und Schafherden auf offener Weide keulen oder erschießen, keine Seltenheit:





Diese Konflikte flammten stets von neuem auf, mal in größerer, mal kleinerer Form, und dauerten bis ins 20. Jahrhundert an. Einer der letzten - und gemessen an verlorenen Menschenleben wohl auch tödlichsten - "Sheep Wars", der sogenannte "Spring Creek Raid", ereignete sich am 2. April 1909 in Wyoming: eine Gruppe von 7 vermummten Cowboys überfiel das Nachtlager von drei Schafhirten auf offener Weide. Die Auseinandersetzung endete blutig: zwei Schafhirten verbrannten in ihrem Schäferwagen. Doch die Zeit der übermächtig wirkenden Rinderbarone neigte sich dem Ende entgegen: Hatten in den 50 Jahren zuvor meist die Rinderzüchter die Oberhand behalten, kamen die Täter des Spring Creek Raid - man entschuldige den Wortwitz - nicht ungeschoren davon.

Montag, 29. April 2024

Todgesagte leben länger: "Davy Crockett ist tot/am Leben/ein Geist"

 Davy Crockett gilt heutzutage als einer der großen amerikanischen Helden in der fast schon legendären "Schlacht von Alamo". Doch wie wir bereits in unserer Folge zu den "Helden von Alamo" ausgeführt haben, war das in den Monaten unmittelbar vor der Schlacht in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung alles andere als der Fall. 

Da er gerne im Wahlkampf bei Bühnenshows über abenteuerliches Frontier-Leben erzählte, machten sich Zeitungen gerne über seine Ambitionen lustig und bezeichneten ihn gerne als einen "Buffoon", also einen Blödmann, Clown oder billigen Possenreißer. Politische Gegner konnten es offenbar kaum erwarten, dass Crockett endlich sein Versprechen wahrmachte, im Falle einer Wahlniederlage nach Texas zu gehen, und dass die einzige Konsequenz daraus sei, dass Shows und Menagerien für einige Zeit weniger stark besucht werden würden. 

Doch einige gingen sogar noch einen Schritt weiter: Einige Zeitungen, wie hier der North Carolina Standard, verbreiteten bereits kurz nach Davy Crockett's Aufbruch nach Texas Meldungen, dass er dort seinen Tod gefunden hätte. Der Tonfall ist dabei alles andere als heroisch-schmeichelhaft: "Colonel Davy Crockett, der 'Congressional whig Buffoon', ist kurz nach seinem Eintreffen in Texas gestorben" heißt es hier am 3. März 1836 - ironischerweise nur wenige Tage, ehe Crockett in der Schlacht von Alamo tatsächlich sein Leben ließ!


Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Nach der dramatischen Schlacht jedoch, in der eine Minderheit von Amerikanern einer je nach Quelle zehn- bis zwölffachen Übermacht mexikanischer Soldaten trotzte und am Ende bis auf den letzten Mann hingerichtet wurden, wandelte sich das Bild jedoch komplett: In Erinnerung an seine Frontier-Abenteuer wurde der Mann zu einem echten Helden erklärt, zu einer amerikanischen Legende. Und wie es legendäre Menschen es häufig an sich haben, sterben sie selten einen wirklichen Tod, sondern haben möglicherweise auf wundersame Art doch überlebt: 

The Staunton Spectator, Staunton (Virginia), 5. Mai 1836. Quelle: Rarenewspapers.com

Über das wie lässt sich zwar streiten, doch dass Davy Crockett in Fort Alamo seinen Tod fand ist heute unbestritten. Aber ein legendärer Status geht weit über den Tod hinaus, und Jahrzehnte später finden sich in Zeitungen schließlich Berichte, dass Davy Crockett nun als Geist in den Gemäuern dieses historischen Ortes haust -  Gerüchte, die sich bis heute übrigens halten.

SanAntonio5-27-93
SanAntonio5-27-93 27 May 1893, Sat The Cincinnati Enquirer (Cincinnati, Ohio) Newspapers.com

Mittwoch, 17. April 2024

"Statistisches über Texas"

 Denkt man an den "Cowboy-Staat" Texas, denkt man zuallererst an riesige Rinderherden, an Viehtrecks, die Open Range, und an wilde Pferde. Das alleine sagt aber wenig darüber aus, wie die Wirtschaft im "Wildwest"-Texas wirklich aufgestellt war. Wieviele Rinder gab es denn genau in Texas, wie viele Pferde wurden gezüchtet, und mit welchen texanischen Waren wurde sonst so gehandelt?

Darum freut es mich immer, beim Durchstöbern alter Zeitungen aus der Wild-West-Ära auf Artikel wie diesen zu stoßen Die deutschsprachige "Freie Presse für Texas" aus San Antonio veröffentlichte am 21. April 1881 unter dem Titel "Statistisches über Texas" Auszüge aus einer Broschüre, die "Der Präsident der südwestlichen Einwanderungscompagnie von Texas, Wm. W. Lang", zusammengestellt hatte. In ihr hatte Mr. Lang diverse Zahlen, Fakten und Daten über die texanische Wirtschaft zusammengestellt, darunter unter anderem auch diese Liste für das Jahr 1878:


Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 17, 2024

Demnach war auch 1878 noch Baumwolle das wertvollste Exportgut; "die ganze Welt consumiert  [sic]ungefähr 12.000.000 Ballen Baumwolle jährlich," schreibt die Freie Presse. "Diese gesamte Summe könnte auf 19.000 Quadratmeilen in Texas gezogen werden. Das Areal von Texas beträgt 274.356 Quadratmeilen". Worüber sich der Beitrag ausschweigt (wohl um potentielle Einwanderer nicht zu verschrecken) ist, wie viel von dem Areal auch für den Anbau von Baumwolle geeignet ist. Baumwollplantagen waren in der Tat ein wichtiger Teil der texanischen Wirtschaft, doch fast nur die nördlichen Regionen des Staates eigneten sich auch dafür.

Natürlich dürfen die Rinder und Pferde nicht unerwähnt bleiben: Demnach befänden sich in TExas zu der Zeit geschätzt 4.464.000 Rinder in einem Wert von 39.640.320$ in Texas. Pferde sind in den Exportstatistiken eher gering, was laut Zeitung daran läge, dass "Die guten Pferde [...] in Texas selbst verbraucht [werden].". Mit 963.000 Tieren in Texas gäbe es nur einen Staat der Union, der diese Zahl noch überbietet: Illinois! Das mag im ersten Moment überraschen, aber Illinois galt als das Herz der amerikanischen Rennpferdezucht, der Staat benötigte für seine zu diesem Zeitpunkt sehr fortgeschrittene Industrialisierung zahlreiche Arbeitspferde für Transporte und dergleichen, und zu diesem Zeitpunkt mit Oaklawn Farm die größte Pferdezucht der Welt in Illinois.

Doch eine andere Tierart sollte Pferde und auch Rinder 1878/79 in Texas weit übertreffen: Schafe!

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 17, 2024

Ja, Schafe! Waren 1860 noch weniger als 800.000 Schafe in Texas gezogen worden, schwoll deren Zahl bis zum Jahr 1879 auf 5.148.700 Tiere an! "Jetzt ist Texas der zweit[größt]e Wollzüchterstaat der Union", schreibt die Freie Presse; nur in Kalifornien (7.646.800) gäbe es zu diesem Zeitpunkt noch mehr Schafe. Um 1880 herum hatte sich der große Rinderboom merklich abgekühlt, und Texas bekam das als einer der ersten Staaten deutlich zu spüren. Schafe waren im Vergleich zu Rindern leichter auf engerem Raum zu halten, warfen mit Wolle ein Ertragsprodukt ab ohne sie schlachten zu müssen und vermehrten sich schneller; während gerade in den späten Jahren des Rinderbooms nur noch reiche, große Rancher sich einträgliche, riesige Herden leisten konnten, war es für weniger gut betuchte Siedler (und auch einige umsattelnde Viehzüchter) einfacher, auf Schafzucht zu setzen. Das ging nicht immer reibungslos vonstatten und sollte in den kommenden Jahren in den sogenannten "Sheep Wars" gipfeln; dazu erzählen wir aber ein anderes Mal mehr.

Freitag, 12. April 2024

"I'll be d*mned if I could find a law against killing a Chinaman!"

 Judge Roy Bean war ein sehr illustrer und weit über die Regionen seiner Tätigkeit bekannter - wenn nicht sogar berüchtigter - Friedensrichter. Wie wir bereits in unserer Podcast-Folge zu Judge Roy Bean ausgeführt haben, wurde der Mann, der "das Gesetz westlich des Pecos" vertrat, in den etwa 20 Jahren seine Wirkens im ganzen Land bekannt für seine eigenwillige Auslegung des Gesetzes, seine blitzschnellen Verhandlungen und seine oft bizarr anmutenden Urteilssprüche.

Eine der bekanntesten Anekdoten zu Roy Bean handelt von einem ermordeten Chinesen. Der Täter - in den meisten Versionen der Geschichte als ein irischer Arbeiter einer Eisenbahn identifiziert - landete bei Roy Bean vor Gericht. Roy Bean konsultierte sein Gesetzbuch und setzte schließlich den Täter auf freien Fuß; er könne keine Stelle im Gesetzbuch finden wonach es verboten sei, einen Chinesen zu töten.

Auch im englischsprachigen Wikipedia-Beitrag zu Roy Bean taucht diese Anekdote auf - allerdings um zahlreiche Details ausgeschmückt und erweitert. So wird der Täter nicht nur als irisch identifiziert, sondern erhält auch noch einen Namen (Paddy O'Rourke); und er soll 200 Gefährten dabei gehabt haben, die Roy Bean androhten in zu lynchen, wenn ihr Kumpel nicht freigelassen werden würde, was der Grund für Roy Bean's schnelles Urteil gewesen sein soll. Im Podcast drückte ich meine Zweifel darüber aus, dass diese Version der Geschichte stimmen könnte. Zum einen waren hierfür mehrere Quellen angegeben, die aber entweder als unzuverlässig galten oder die Details nicht bestätigten. Und die einzige alte Zeitung, die als Quelle aufgeführt war, lieferte sogar widersprüchliche Angaben. Tatsächlich konnte ich die Geschichte in wirklich Dutzenden Zeitungen finden, die verschiedene Erzählungen des "Chinesen-Mordes" widergaben - und in keiner einzigen Version tauchte der Name "Paddy O'Rourke" oder die Präsenz von 200 Iren auf. Was nicht heißen soll, dass die Geschichte nicht damals bereits diverse Mutationen durchgemacht hat. Anhand der Beiträge lässt sich schön sehen, wie aus einer kurzen Randbemerkung im Laufe der Jahre ein Mythos mit fast epischen Zügen erwachsen kann...

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 12, 2024

Die früheste Erwähnung die ich finden konnte - was nicht heißen soll das es die erste war, nur die älteste von der ich aktuell weiß - stammt vom 2. Juni 1884, nur knapp zwei Jahre nach Bean's Berufung zum Friedensrichter. Der Beitrag in der Zeitung El Paso Daily Times ist nur eine zehnzeilige Randnotiz über "das neueste von Roy Bean"; zu diesem Zeitpunkt waren Leser der Zeitung offenbar bereits daran gewohnt, immer wieder neue Kuriositäten von ihm zu hören. Die Nachricht enthält kaum Details - jemand habe "einen Chinamann getötet" (noch nicht einmal die Eisenbahn wird hier erwähnt), aber der Urteilsspruch ist bereits der bekannte: Nachdem er zwei oder drei "zerfallende Gesetzesbücher von vorn bis hinten durchgeblättert" habe, ließ er den Täter frei mit den Worten, er wolle verdammt sein wenn er irgendein Gesetz finden könne das es verbiete, einen "Chinamann" zu töten.

Das sollte aber nicht das Ende der Geschichte sein, denn je weiter wir uns von dem ersten Vorfall entfernen, umso detailreicher - und bunter - werden die Schilderungen...

A version of the Roy Bean story about the murdered Chinaman
A version of the Roy Bean story about the murdered Chinaman 01 Nov 1887, Tue The San Francisco Examiner (San Francisco, California) Newspapers.comAm 1.11.1887 druckte der "San Francisco Examiner" ebenfalls eine Variante der Geschichte ab; wobei es sich hierbei angeblich um eine Übernahme aus einer Londoner Zeitung (London Spectator) handelt. Unter der Überschrift "Western Life - How a Cowboy Justice of the Peace Administered the Law" werden aus der Perspektive eines - mutmaßlich englischen - Reporters bereits mehrere Anekdoten über Roy Bean zusammengefasst, darunter auch die erwähnte Geschichte. Interessanterweise taucht hier erstmals das Gerücht auf, Roy Bean könne nicht (gut) schreiben. Das Detail über die Eisenbahn oder einem mutmaßlich irischen Täter fehlt noch immer. Dafür hat das chinesische Opfer hier einen Namen - "Li Hung". Als Roy Bean diesen hört, lässt er den Täter frei mit der Begründung, man könne in Gesetzbüchern nichts über das Töten von Chinesen finden. Interessanterweise muss er hier nicht einmal in den Büchern blättern...

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 12, 2024
Hier ist eine andere Variante der Geschichte, gefunden im Halletsville Herald (Texas) vom 25.2.1891. In dieser Version der Geschichte wird zwar die Eisenbahn erwähnt, aber nur in der Form, dass der Vorfall sich kurz nach deren Eintreffen in der Gegend ereignete. Der Täter trägt noch immer keinen Namen (oder Nationalität), das Opfer hat ebenfalls den Namen verloren, dafür gibt es nun einen Tatort: Jemand habe den "Chinamann" IN Roy Bean's Saloon getötet!

Roy Bean's Law
Roy Bean's Law 28 Aug 1897, Sat El Paso Herald (El Paso, Texas) Newspapers.com

Am 28. August 1897 - 15 Jahre nach Roy Beans erster Berufung zum Friedensrichter, und 13 Jahre nach der ersten von uns gefundenen Erwähnung der Geschichte - fasste der El Paso Herald (nicht zu verwechseln mit der vormals erwähnten El Paso Daily Times) zahlreiche Anekdoten von und über Roy Bean in einem langen Artikel zusammen, darunter auch diese Geschichte. Demnach habe der Chinese einen Vormann der Eisenbahn attackiert, worauf dieser den Mann erschossen habe. Der Vormann wurde zu Roy Bean zur Anhörung gebracht, und 100 Eisenbahnarbeiter kamen ebenfalls in den Saloon. Roy Bean, der ein gutes Geschäft witterte, zögerte die Anhörung auf den nächsten Tag hinaus, ehe er dann den schnellen Urteilsspruch lieferte. Immer noch werden keinerlei Namen genannt, und auch von einem Iren ist keine Rede, aber eine Menge von 100 Eisenbahnarbeitern ist erwähnt (aber nicht 200 wütende, lynchfreudige Kerle). Nach allem, was ich so über Roy Bean erfahren habe, halte ich diese Schilderung noch am plausibelsten - Roy Bean wirkt in anderen Schilderungen nicht wie jemand der sich leicht einschüchtern ließ, aber an 100 Eisenbahnarbeiter so viele Getränke wie möglich auszuschenken passt sehr zu den sonst so üblichen Geschichten über ihn...

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 12, 2024

Hier ist noch eine interessante Variante der Geschichte, ebenfalls aus dem Jahr 1897 (3.11.1897 um genau zu sein), aus der Galveston Tribune (Texas), wohl übernommen aus einem Leserbrief an den Chigaco Times-Herald. Der Erzähler schildert, dass er in seiner Zeit bei der Eisenbahn von einem anderen chinesischen Eisenarbeiter angegriffen wurde, und ein Depotangestellter der Eisenbahn diesen daraufhin erschoss. Sie gingen zum zuständigen Richter - Roy Bean - der Ihnen darlegte, dass das schon MINDESTENS DAS ZWEITE MAL sei, dass er über so etwas geurteilt habe, und das es eben kein Gesetz hinsichtlich des Tötens eines Chinesen gäbe. Interessant ist hier vor allem ein weiteres Detail, das ich sonst nirgendwo gefunden habe: Roy Bean habe den ersten Täter freigesprochen, aber zu einer Strafe von 10 Gallonen Schnaps verdonnert - weil er mehr als einmal schießen musste!

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 12, 2024

Im "Stephenville Empire" vom 7. Dezember 1899 wird die Schilderung noch einmal so richtig bunt. Das chinesische Mordopfer hat nun wieder einen Namen, aber heißt nun "Ah Ling", nicht wie zuvor "Li Hung". Dafür hat nun erstmals der Täter einen Namen, aber nicht "Paddy O'Rourke", sondern "Jim Anderson", ein "rothaariger Eisenbahnangestellter"; wenn man das rothaarig breit (und nach Klischee) deutet könnte man nun sagen, dass hier erstmals zumindest andeutungsweise von einem Iren die Rede wäre. Dafür wird der Urteilsspruch von Roy Bean besonders bunt beschrieben und mit einer wilden Anhäufung von rassistischen Bezeichnungen von nicht nur Chinesen, sondern auch Afroamerikanern und Mexikanern garniert. Das es kein Gesetz gegen das Töten von Chinesen gäbe ist auch nur Teil der Anekdote, laut Bean definiere das Gesetz nur "drei Arten von Menschen: Weiße Männer, N***r und Mexikaner!"


Roy Bean, who was the Law west of the Pecos
Roy Bean, who was the Law west of the Pecos 16 Sep 1900, Sun St. Louis Post-Dispatch (St. Louis, Missouri) Newspapers.comMan könnte diese Anekdote und ihre verschiedenen Varianten wahrscheinlich noch endlos weiterführen. Zum Abschluss ist hier noch einmal ein Beispiel aus dem Jahr 1900, drei Jahre vor Roy Beans Tod, wo die Erzählung endgültig einen legendären, wenn nicht sogar mythologischen Status angenommen hat. Hier wird die Geschichte nochmal explizit nach Vinegaroon gelegt, also in die ersten beiden Jahre von Roy Beans Richtertätigkeit; aber er wird als "The Law West of the Pecos" bezeichnet, obwohl er sich selbst erst danach so beschrieben hat. Wieder ist die Nationalität des Täters nicht näher benannt, aber diesmal soll es ein Glücksspieler gewesen sein, kein Eisenbahnangestellter. Das Opfer hat mit "Ah Foo" dagegen erneut einen neuen Namen verliehen bekommen. Und auch hier erhält der ursprüngliche Richterspruch, es gäbe kein Gesetz gegen das Töten eines "Chinamanns", leider noch weitere rassistische Ausschmückungen, die die Zeitungen 10 oder 20 Jahre zuvor noch komplett unterlassen haben (wobei "Mr. Ah Foo hatte Unglück - er hätte in seinem eigenen Land bleiben sollen" oder das die Verfahrenskosten vom Kaiser von China zu tragen seien noch die harmlosesten Ergänzungen sind) - was wohl leider mehr mit den Sensibilitäten und der zunehmenden Abneigung gegen chinesische Einwanderer in diesen Jahren zusammenhängen mag als mit dem Charakter eines Roy Bean selbst. Auch solche Entwicklungen lassen sich an Zeitungsartikeln auf diese Weise gut herauslesen, wenn auch nicht unbedingt nachvollziehen.

Flora Mundis alias Tom King (Teil 2) – Wie sich Legenden bilden

"Desperado Tom King erschießt einen ihrer Verfolger" – mit dieser markigen Überschrift macht der Guthrie Daily Leader am 17.12.189...