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Dienstag, 29. April 2025

May 1881 - Billy the Kid: Der meistgesuchte Mann New Mexicos?

Billy the Kid zählt gemeinhin als einer der berüchtitgsten Banditen seiner Zeit. Spätestens nach seiner spektakulären Flucht am 28. April 1881, während der er zwei Deputy Sheriffs tötete, war sein Name im gesamten Land bekannt. Und Governeur Lew Wallace, der kurz zuvor noch den Hinrichtungsbefehl für den verurteilten Mörder unterzeichnet hatte, verlor wenig Zeit, um auf den flüchtigen Outlaw erneut ein Kopfgeld von 500$ für dessen Ergreifung auszuschreiben (Inflationsbereinigt etwa 15.000 $ nach heutiger Rechnung, also durchaus eine stolze Summe).

Lew Wallace rewardLew Wallace reward 12 May 1881, Thu The Santa Fe New Mexican (Santa Fe, New Mexico) Newspapers.com

In der Regel drängt sich der Eindruck aus, als wäre Bill the Kid der gefährlichste Mann New Mexicos gewesen; in der romantisch verklärten Erzählweise gilt er als der meistgesuchte Bandit des Territoriums. Aber das scheint, bei genauerer Betrachtung, nicht ganz zutreffend; denn er war nicht der einzige Verbrecher, auf dem im Mai 1881 ein dermaßen hohes Kopfgeld ausgeschrieben war...

Reward for Billy the Kid & The Stockton GangReward for Billy the Kid & The Stockton Gang 12 May 1881, Thu The Santa Fe New Mexican (Santa Fe, New Mexico) Newspapers.com

Denn in derselben Zeit, in der Billy the Kid sich wieder auf freiem Fuß befand, machte sich in San Juan County, New Mexico, die "Stockton Gang" einen Namen. Angeführt von Isaac "Ike" Stockton, brach diese Bande von Viehdieben und Banditen mit Simmons-Clan, einer Familie an Rinderzüchten, eine Privatfehde mit zahlreichen Schießereien und Lynchmorden vom Zaun, die in den Zeitungen dieser Tage auch als der "San Juan County War" bezeichnet wurde. Stockton wurde unter anderem beschuldigt, einen Mann namens Aaron Barker ermordet zu haben, worauf sich die Bande nach Colorado absetzte. Dort wurde auf ein Mitglied der Bande im August 1881 sogar ein Kopfgeld von 2.500 $ ausgesetzt, nachdem dieses US-Marshal Clate Ogsbury getötet hatte - gerüchtehalber lieferte Stockton daraufhin seinen eigenen Mann an die Behörden aus, um das Kopfgeld zu kassieren. Falls dies stimmt, scheint es ihn jedenfalls bei Gesetzeshütern nicht beliebter gemacht zu haben: Bei einer Schießerei mit einem Mann namens Jim Sullivan, Deputy Sheriff von Silverton, Colorado, im September 1881 wurde Ike Stockton ins Bein getroffen und verhaftet. Die Wunde entzündete sich. Der Versuch, tödlichen Wundbrand durch die Amputation des Beins zu verhindern, schlug fehl, und Der Outlaw starb am 27. September 1881 an seiner Verletzung. Angeblich soll Deputy Sheriff Jim Sullivan nach Stocktons Tod gesagt haben, wenn er eines mehr hasse als einen Mörder, dann sei dies ein Verräter.


Montag, 28. April 2025

20. Januar 1881 - Ein Interview mit Billy the Kid

 Am 23. Dezember wurden Billy the Kid, Dave Rudabaugh und Billy Wilson von Sheriff Pat Garrett geschnappt und ins Gefängnis nach Lincoln County gebracht. Dort sollten Sie einsitzen, bis Ihnen im April in Mesilla der Prozess gemacht werden sollte. Billy sah sich speziell zwei Anklagen gegenüber: Der Tötung von Andrew "Buckshot" Roberts, und dem Mord an Lincoln County Sheriff William Brady.

Während dieser Haft gelang es einem Reporter, ein Interview mit den inhaftierten Banditen zu führen, dass am 20. Januar 1881 in der Las Vegas Gazette erschien. Es zeichnet ein erstaunlich entspanntes Bild, dass Billy an den Tag zu legen schien, während er auf seinen Mordprozess wartete; er und seine Gefährten scherzen, die Banditen beschweren sich, dass so ziemlich jedes Verbrechen im Land ihnen in die Schuhe geschoben würde - oder dass jeder, der eines Verbrechens in Lincoln County beschuldigt werde, gleich als Mitglied von Billy's Bande gelte - und als The Kid selbst befragt wird, was er von seinem Ruf als gefährlicher Outlaw halte, entgegnet dieser nur, "dass damit kein Geld zu verdienen ist."

20 Jan 1881, Thu The Las Vegas Gazette (Las Vegas, New Mexico) Newspapers.com

Generell scheinen die inhaftierten Outlaws noch guter Dinge zu sein. Die Lage sollte sich speziell für Billy bald ändern, als er im April 1881 schließlich dem Richter in Mesilla vorgeführt werden sollte...

Montag, 10. Februar 2025

12.August 1881: Billy the Kid - "Sein wahrer Name war McCarthy"

 Bei allen fantastischen Lügengeschichten, die über das Leben und die Eskapaden von Billy the Kid berichtet wurden: es ist doch davon auszugehen, dass es zu Lebzeiten von "William Bonney" auch im Lincoln County einige Leute gab, die über die wahre Herkunft von "The Kid" Bescheid wussten - oder besser Bescheid wussten als die Sensationsgier verschiedener Zeitungen, die alle für sich beanspruchen wollten, die wahre Herkunft des berüchtigten Outlaws ausgemacht zu haben.

Inmitten dieser zahlreichen Falschmeldungen geht die Wahrheit leicht verloren. Es findet sich aber hin und wieder auch in zeitgenössischen Quellen auch ein Beitrag, der sich entschieden gegen die Sensationslust stellt - und der tatsächlich ein paar belegbare Fakten liefert, anhand derer sich die Herkunft von Billy The Kid - oder eine mögliche Identität - besser herausfinden lässt. Ein solcher Beitrag im Lancaster daily intelligencer (Pennsylvania, 12. August 1881, wohl zuerst abgedruckt im St. Louis Globe-Democrat, Missouri), der als Leserzuschrift wohl in direkter Reaktion auf die Sensationsmeldung in der Philadelphia Times vom 19, Juli 1881 entstanden ist, liefert einiger solche Fakten: Dass sein richtiger Familienname "MacCarthy" gewesen sei; dass er in New York geboren wurde; dass seine Mutter einen "Mann namens Antum" geheiratet habe und sich in Silver City, New Mexico, mit diesem niederließ, und dass dort noch ein Bruder von ihm lebe; dass er dort erstmals mit 15 Jahren wegen Ladendiebstahls verhaftet wurde; und dass er erstmals im Alter von "16 oder 17 Jahren" einen Mann in Arizona tötete. 

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Die meisten Historiker gehen davon aus, dass das hier gezeichnete Bild des jungen "Billy The Kid" der Wahrheit entspricht. Einzig der Vorname war nicht korrekt: Der Junge, von dem hier die Rede ist, hieß nicht "Billy" sondern Henry McCarthy, aber sein Stiefvater hieß William Antrim - und dessen Namen hatte Henry McCarthy angenommen, als er im Alter von 17 Jahren bei Fort Grant einen 32-jährigen Iren namens Frank Cahill im Streit erschoss...

Montag, 27. Januar 2025

30. Juli 1881: Der kleine "Billy The Kid" - Jugendlicher Bandit einer "Gang of New York"?



 Kurz nach dem Tod von Billy the Kid im Juli 1881 sollten Zeitungen aus nahezu jedem der Staaten der USA - wie es der New York Dispatch am 14. August 1881 formschön ausdrückte - derart danach streben, Billy the Kid als einen "Einheimischen" ihres Staates zu identifizieren, dass "die Aufmerksamkeit eines jungen Burschen von dem Gedanken, einmal Präsident werden zu wollen, abgelenkt [werde], und er nun täglich über um ein hervorragende Schütze und berühmter Assassine zu werden."


Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Noch während Billy's Lebzeiten kristallisierte sich allerdings heraus, dass "The Kid" wohl in New York geboren wurde oder zumindest mehrere Jahre seiner Kindheit dort verbracht haben soll. Eine der gängigsten Theorien verortet die Geburt Billy's in die sogenannten "Five Points" von New York - einer Gegend, die von vielen irischen Einwanderern bewohnt wurde, die aber auch von Armut und Bandenkriminalität geprägt war. Wer den Film "Gangs of New York" gesehen hat, mag sich ein Bild davon machen, wie es in den Five Points in Billy's Kindheitstagen zugegangen sein mag.

Was gäbe es Naheliegenderes als anzunehmen, dass Billy tatsächlich in Kindestagen ein Bandenmitglied einer solchen "Gang of New York" gewesen sein mag? Genau das tat so manche New Yorker Zeitung in dieser Zeit, wie beispielsweise hier der New York Dispatch vom 31. Juli 1881 - ja, eben jene Zeitung, in der jemand nur zwei Wochen später sich jemand über die Sensationslust dieser "Billy the Kid" Artikel beklagen sollte.

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

In diesem Artikel, der sich um sogenannte "Growler Clubs" dreht - Kaschemmen, in denen "Säufer geschaffen und Diebe gelehrt" werden - wird Billy the Kid als ein Miglied der sogenannten "Sixth Ward Gang" identifiziert, zu der auch Getalten wie "Cow Leg" Sam, "The Blower", "Butch" McCarthy (!), "Red" Leary oder "Shang" Draper gezählt werden. Es ist faszinierend, wie dieser Beitrag - der sich eigentlich um das kriminelle Nachtleben und den schlechten Einfluss solcher Tavernen auf Jugendliche in New York dreht - darauf zurückgreift, einfach den Namen des zu dem Zeitpunkt berüchtigsten Outlaws des Wilden Westens fallen zu lassen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. (Der Historiker Frederick Nolan hat im Übrigen Belege gefunden, dass es in der Unterwelt von New York tatsächlich einen Mann namens Henry McCarthy gab, der in den 1870er Jahren in New York einen anderen Mann mit einem Messer erstach und der wohl zu dieser kriminellen Halbwelt New Yorks gezählt hatte. Da der Name McCarthy allerdings sehr weit verbreitet war - und auch heute noch ist - ist wohl davon auszugehen, dass der New York Dispatch einem Irrtum aufgesessen ist. Ja, ein Henry McCarthy könnte wahrscheinlich Mitglied der Sixth Ward Gang gewesen sein. Aber dieser  McCarthy war nicht derselbe, der später einmal "Billy the Kid" werden sollte...

Donnerstag, 2. Januar 2025

Oktober 1886: Tom Horn und die Jagd auf Geronimo

 In seiner Biographie sollte Tom Horn erzählen, dass er an der Jagd auf den Apache-Renegaten Geronimo beteiligt war - tatsächlich will er selbst es gewesen sein, der Geronimo dazu überreden konnte, die Waffen niederzulegen und aufzugeben.

Dass Tom Horn tatsächlich Geronimo überzeugt hat, aufzugeben, mag bezweifelt werden. Doch gilt es als wahrscheinlich, dass er als Übersetzer für die Armee anwesend war, als Geronimo nach seiner letzten Flucht von Kavallerie-Captain Lawton gestellt wurde.

Der Los Angeles Herald konnte am 20.10.1886 seinen Lesern einen längeren, durchaus spannenden Beitrag über die "Jagd auf Geronimo", sein letztes Gefecht mit der Armee und schließlich seiner Kapitulation bieten.

10-24-1886 Article about Geronimo and Tom10-24-1886 Article about Geronimo and Tom 24 Oct 1886, Sun Los Angeles Herald (Los Angeles, California) Newspapers.com



Mittwoch, 24. Juli 2024

Kuriose Anzeigen aus dem Wilden Westen

Beim Durchstöbern alter Zeitungen aus der Zeit des Wilden Westens fallen mir immer wieder die Anzeigen auf, die aus heutiger Sicht kurios oder sonderbar erscheinen. In diesem Blogpost wollte ich einmal eine kleine Auswahl solcher Werbungen auflisten. 


Auslöser dieser kleinen Werbeschau ist diese Anzeige für Asbest-Dachdecken, gefunden im "The Daily Independent" aus Laramie City, Wyoming vor genau 150 Jahren (24. Juli 1874). "Praktisch Feuerfest", "weist Wasser effektiv ab", "das beste Produkt im Markt" - in solchen und ähnlichen Tönen werden die Wunder und Vorzüge aufgelistet, warum die (zu diesem Zeitpunkt) etwa 1000 Einwohner von Laramie ihre Häuser mit dem (heute nachweislich als gesundheitsschädlich und gefährlich bekanntem) Asbest decken sollten! 



Kokain gegen Haarausfall? Das scheint diese Anzeige aus dem Jahr 1879 zu implizieren! Die stimulierende Wirkung von Kokain galt in diesen Tagen als regelrechtes Wundermittel. Es ist nicht ganz klar, ob es sich in diesem Fall nicht eventuell um Etikettenschwindel handelt: Eine Flasche des Produkts aus dem Jahr 1906 soll laut Smithsonian Institute einfach nur zu je 50% aus Alkohol und Kokosfett bestehen... deswegen wohl auch "CocoA-ine". Aber in den 1880er Jahren war Kokain in mehreren Patentarzneimitteln enthalten: Kokain-Lutschtabletten wurden als wirksame Mittel gegen Husten, Erkältungen und Zahnschmerzen empfohlen (wie die unten gezeigte Anzeige aus dem März 1885 verdeutlicht). Ärzte und Apotheker verschrieben es häufig zur Behandlung von Verdauungsstörungen, Melancholie, Schmerzen und sogar zur Linderung von Erbrechen in der Schwangerschaft. Kokain war weithin verfügbar und konnte rezeptfrei erworben werden. Es wurde in Hustenmitteln, Einläufen und Umschlägen verwendet. Bis 1885 wurde Kokain in verschiedenen Formen verkauft - als Zigaretten, Pulver und sogar als Injektion mit einer Nadel. In der Medizin wurde es häufig als Lokalanästhetikum verwendet.


Allerdings kam Kokain um die Jahrhundertwende mehr als Droge in Verruf und verschwand um diese Zeit immer mehr aus handesüblichen Produkten. Ein Paradebeispiel: Im Jahr 1885 führte ein gewisser John Styth Pemberton aus Atlanta, Georgia, der zuvor Patentarzneimittel wie Triplex Liver Pills und Globe of Flower Cough Syrup hergestellt hatte, „French Wine Coca“ im Markt ein, das als „ideales Nerven- und Stärkungsmittel“ beworben wurde. Das Produkt basierte in hohem Maße auf dem Extrakt von Cocablättern. Im Jahr (1886) darauf brachte Pemberton einen Sirup namens „Coca-Cola“ auf den Markt, der nach einem Extrakt aus der Kolanuss benannt war. Zu verschiedenen Zeiten wurde er als „bemerkenswertes therapeutisches Mittel“ und als „souveränes Heilmittel“ für eine lange Liste von Beschwerden, einschließlich Melancholie und Schlaflosigkeit, beworben. Coca-Cola enthielt einst schätzungsweise neun Milligramm Kokain pro Glas. (Zum Vergleich: Eine typische Dosis oder „Linie“ von Kokain beträgt 50-75 mg.) 1903 wurde das Kokain schließlich aus dem "Coca-Cola" Sirup entfernt.


Schrotflinten und Kakao - Diese Anzeige aus einer Zeitung in Missouri aus dem Jahr 1879 finde ich vor allem wegen der - heute eher befremdlichen - Kombination der beworbenen Produkte amüsant.

"Die größte Show auf Erden" - P.T. Barnum kommt nach St. Louis! Der Schausteller war für seinen wandernden Zirkus - und nicht nur für die darin gezeigten artistischen Darbietungen, sondern auch für die ausgefeilten "Wunder und Sensationen" - die häufig nicht viel mehr waren als mit erfundenen Hintergrundgeschichten ausgestatteten Tricks und Täuschungen" - im ganzen Land berühmt. Da es Barnum aber auch wie kaum ein anderer in dieser Zeit verstand, die Werbetrommel zu rühren (wie diese ganzseitige Anzeige im St. Louis Post-Dispatch vom 11. August 1879 eindrücklich zeigt), gelang es ihm dennoch, Tausende Schaulistiger in seine Shows zu ziehen. "There's a sucker born every minute" ("Jede Minute wird ein Trottel geboren") ist ein Ausspruch, der dem "größten Showman aller Zeiten" gerne zugeschrieben wird.


Wo bekamen Bürger im Wilden Westen, vor 150 Jahren, ohne Internet und fernab jeder Buchhandlung, Gesetzestexte oder Vorlagen für rechtliche Dokumente und Urkunden her? Natürlich von ihrer lokalen Tageszeitung, wie der Cheyenne Daily Leader (Cheyenne, Wyoming) am 24. Juli 1874 selbst bewirbt. Amüsant auch, dass zwischen diese Eigenwerbungen auch eine Kleinanzeige zum Verkauf zweier Stuten samt Junghengsten eingebettet ist.


Warnung vor Nähmaschinen-Plagiaten, gefunden in der "Freien Presse für Texas" (San Antonio, Texas) aus dem März 1881. Auch im tiefsten Texas ist diese Anzeige irgendwie typisch deutsch, bewirbt sie doch Qualitätsarbeit, 6 Jahre Garantie und den Verweis, "echte" White-Nähmaschinen nur von "regulären authorisierten Verkäufern" zu beziehen. Und wo wir schon bei der deutschen Gemeinde im texanischen Wilden Westen sind...



...den etwa 4.000 Einwohnern des texanischen Ortes Brenham schien überaus wichtig gewesen zu sein, in welchen Lokalitäten überall der Mai-Bock von Anheuser-Busch bezogen werden kann, wie dieser Ausschnitt vom 24. April 1881 verdeutlicht (die 9 hier gezeigten Kleinanzeigen sind beileibe nicht die einzigen!). 



Donnerstag, 16. Mai 2024

"Über Spinnen in Colorado sollte man nicht lachen"

Achtung: Dieses Fundstück ist nichts für Arachnophobiker! 

Eines heutzutage weniger bekanntes, aber in Zeitungen des 19. Jahrhundert sehr verbreitetes Trope des Wilden Westens waren Erzählungen über die gigantischen oder seltsamen Kreaturen, die an der weit entfernten Frontier hausten. Einige dieser Schilderungen scheinen direkt aus einem Horrorfilm entsprungen zu sein. Als altem, erklärtem Fan des Rollenspiels Deadlands freue ich mich immer wieder über solche kurzen Notizen oder Berichte, die mehr als genug Futter für ein weiteres Western-Horror-Abenteuer im "Weird West" dienen könnten.

So etwa auch dieser kurze Beitrag aus dem "Potter Enterprise" aus Cloudersport, Pennsylvania, vom 1. Juli 1880, der etwas über die "Vogelgroßen, merkwürdige Geräusche" machenden Spinnen von Colorado erzählt, deren Spinnweben so fest seien, dass man damit sogar nähen könne...


"Über Spinnen in Colorado sollte man nicht lachen. In einer Höhle in der Nähe von Buena Vista sind sie so groß wie kleine Vögel und geben beim Weben ihres Netzes ein seltsames Geräusch von sich. Bei der Besichtigung der Höhle untersuchte ein Bergmann die Netze. Ihre Fäden hatten etwa die Größe eines 12er Fadens, und er dachte, dass man sie für einen Faden verwenden könnte. Da er eine Nadel hatte, brach er einen der Fäden ab und stellte fest, dass er genau passte. Als er einen losen Knopf annähte, stellte er fest, dass er so stark wie Seide war und jeden Zweck erfüllte."

Montag, 22. April 2024

"Der 'Mother Hubbard' muss verschwinden!"

An dieser Stelle greifen wir einen Modetrend auf, den wir am Rande unserer Podcast-Folge zum Johnson County War einmal in einem kleinen Exurs angesprochen hatten.

 Immer wieder kommen Modetrends auf, die für einen moralischen Aufschrei in Teilen der Gesellschaft sorgen: Zu unzüchtig! Zu aufreizend! Skandalös! Im modernen Zeiten sind es meistens zu figurbetonte oder viel Haut zeigende Kleidungsstücke die solche Reaktionen hervorrufen. Da mag es aus moderner Sicht befremdlich wirken, welche Art Kleid in den 1880er Jahren, vor allem in Regionen des Wilden Westens, für Furore sorgte: Das so genannte "Mother Hubbard" Kleid!

Pictures of Mother Hubbard gownsPictures of Mother Hubbard gowns 03 Feb 1889, Sun The Wichita Eagle (Wichita, Kansas) Newspapers.com

Blue cotton calico dress of Elizabeth Hinterleiter Keesacker, a Virginia native who moved to St. Louis in the early 1800s. Image Courtesy of the Missouri Historical Society, St. Louis.

Während die übliche Frauenkleidung jener Zeit auf eng taillierte (mit Korsett getragene) Kleider Wert legte, die mit Unterröcken und Tornüre zur besonderen Absetzung des Pobereichs getragen wurden, lief der Mother Hubbard diesem Trend zuwider: Es war ein bewusst nicht figurbetontes, langes, weites und locker sitzendes Kleid mit langen Ärmeln und hohem Halsausschnitt, und sollte tatsächlich so viel Haut wie möglich bedecken. 


Kleidungsstücke dieser Art gab es auch vor den 1880er Jahren bereits und wurden meist von Frauen während der Hausarbeit eingesetzt. Aber in der genannten Dekade erlangte das Kleid (das seinen Namen von einem Buch mit Kinderreimen namens "Old Mother Hubbard" bekam, in dem Mädchen mit Kleidern in diesem Stil illustriert waren) auch unter jungen Frauen Popularität, die die Bewegungsfreiheit und Luftigkeit dieses Kleidungsstils, gerade in heißeren Gegenden, sehr zu schätzen wussten. 

Das erregte allerdings den Unmut und moralische Entrüstung - vor allem von Teilen der männlichen Bevölkerung. Manche - überwiegend männliche - Kommentatoren brachten ihre Entrüstung über das Unweibliche Erscheinungsbild von Frauen in diesem hässlichen, sackartigen Gewand - "All Skirt, no waist", wie es der Schreiber des folgenden Artikels ausführt - zum Ausdruck: 

Mother Hubbard dress criticizedMother Hubbard dress criticized 02 Nov 1883, Fri The Leavenworth Standard (Leavenworth, Kansas) Newspapers.com

In unserem Podcast zum Johnson County War erwähnten wir, dass in Johnson County (speziell am Gerichtsstand in Buffalo) um das Jahr 1889 mutmaßliche Viehdiebe mit milden Strafen davonkamen, während das Tragen eines Mother Hubbard Kleides in der Öffentlichkeit mit bis zu 20$ bestraft werden konnte. Auch andernorts, beispielsweise in Kentucky, gab es Bußgelder für das öffentliche Tragen eines solchen Kleidungsstücks:

5$ fine for wearing a Mother Hubbard5$ fine for wearing a Mother Hubbard 18 Apr 1884, Fri Chicago Tribune (Chicago, Illinois) Newspapers.com

Auch kam es durchaus zu Verhaftungen wegen des öffentlichen Tragens eines Mother Hubbards:

Arrests of women wearing Mother Hubbard dressesArrests of women wearing Mother Hubbard dresses 12 May 1887, Thu Omaha Daily Bee (Omaha, Nebraska) Newspapers.com

Auch an Spott und anderen herablassenden Kommentaren mangelte es nicht: 

Men must have really hated the Mother Hubbard dress - comfortable for women!Men must have really hated the Mother Hubbard dress! 14 May 1886, Fri The Abilene Journal (Abilene, Kansas) Newspapers.com

Aber was genau störte die männliche (oder Teile der weiblichen) Bevölkerung an diesem Kleid? Ein Kommentator des Coffeyville Journals (Coffeyville, Kansas) brachte es, stellvertretend für andere ähnliche Beiträge, in einem Artikel auf den Punkt: Es sah zu sehr nach einem reinen Unterrock oder Nachthemd aus; "Junge Mädchen", die dieses Kleid trügen, sähen darin so aus, "als hätten sie vergessen, sich anzuziehen, nachdem sie morgens aus dem Bett aufgestanden sind"!

EDitor's comment on Mother Hubbard dressEditor's comment on Mother Hubbard dress 28 Jul 1883, Sat The Coffeyville Weekly Journal (Coffeyville, Kansas) Newspapers.com

Weniger freundlich klang in solchem Zusammenhang der Vorwurf, Frauen würden in einem solchen Kleid wie Prostituierte aussehen (die solche Kleider wegen der Einfachheit des An- und Ausziehens bevorzugen würden; interessant, dass in den 1880ern das Bild vorzuherrschen schien, dass das Tragen eines WENIGER figurbetonten Kleides eher leichten Mädchen zugeschrieben wurde); das Tragen eines solchen Kleides wäre gewissermaßen Erregung öffentlichen Ärgernisses, und junge Damen würden "nur" deswegen verhaftet, um entsprechende unliebsame Avancen angehender Freier vorzubeugen.

Dodge City Times, Kansas, Juli 1883

All diese Kommentare lassen dabei den eigentlichen Grund außer Acht, warum Frauen ein solches - nicht figurbetontes, lockeres, den ganzen Körper bedeckendes - Kleid entgegen der Modetrends der damaligen Zeit überhaupt haben möchten: Es war, schlicht und ergreifend - bequem und angenehm zu Tragen - ganz ohne Notwendigkeit für Korsetts, Tornüren oder mehrere Lagen an Unterröcken!

The joy of the corset-free Mother Hubbard dressThe joy of the corset-free Mother Hubbard dress 12 Sep 1889, Thu The Wichita Weekly Journal (Wichita, Kansas) Newspapers.com
In den 1890er Jahren verschwanden die Debatten um das Mother Hubabrd Kleid wieder aus dem öffentlichen Diskurs. Interessanterweise haben sich Kleider im Mother-Hubbard-Stil dagegen auf einigen Pazifikinseln bis heute gehalten! Eingeführt wurden die Ganzkörper-Röcke dabei interessanterweise ausgerechnet von christlichen Missionare - um die in westlichen Augen zu aufreizende Blöße der "halbnackten" Insulaner zu bedecken!

Tahitian girls in mother Hubbard dresses. various, Public domain, via Wikimedia Commons


Flora Mundis alias Tom King (Teil 2) – Wie sich Legenden bilden

"Desperado Tom King erschießt einen ihrer Verfolger" – mit dieser markigen Überschrift macht der Guthrie Daily Leader am 17.12.189...