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Dienstag, 29. April 2025

May 1881 - Billy the Kid: Der meistgesuchte Mann New Mexicos?

Billy the Kid zählt gemeinhin als einer der berüchtitgsten Banditen seiner Zeit. Spätestens nach seiner spektakulären Flucht am 28. April 1881, während der er zwei Deputy Sheriffs tötete, war sein Name im gesamten Land bekannt. Und Governeur Lew Wallace, der kurz zuvor noch den Hinrichtungsbefehl für den verurteilten Mörder unterzeichnet hatte, verlor wenig Zeit, um auf den flüchtigen Outlaw erneut ein Kopfgeld von 500$ für dessen Ergreifung auszuschreiben (Inflationsbereinigt etwa 15.000 $ nach heutiger Rechnung, also durchaus eine stolze Summe).

Lew Wallace rewardLew Wallace reward 12 May 1881, Thu The Santa Fe New Mexican (Santa Fe, New Mexico) Newspapers.com

In der Regel drängt sich der Eindruck aus, als wäre Bill the Kid der gefährlichste Mann New Mexicos gewesen; in der romantisch verklärten Erzählweise gilt er als der meistgesuchte Bandit des Territoriums. Aber das scheint, bei genauerer Betrachtung, nicht ganz zutreffend; denn er war nicht der einzige Verbrecher, auf dem im Mai 1881 ein dermaßen hohes Kopfgeld ausgeschrieben war...

Reward for Billy the Kid & The Stockton GangReward for Billy the Kid & The Stockton Gang 12 May 1881, Thu The Santa Fe New Mexican (Santa Fe, New Mexico) Newspapers.com

Denn in derselben Zeit, in der Billy the Kid sich wieder auf freiem Fuß befand, machte sich in San Juan County, New Mexico, die "Stockton Gang" einen Namen. Angeführt von Isaac "Ike" Stockton, brach diese Bande von Viehdieben und Banditen mit Simmons-Clan, einer Familie an Rinderzüchten, eine Privatfehde mit zahlreichen Schießereien und Lynchmorden vom Zaun, die in den Zeitungen dieser Tage auch als der "San Juan County War" bezeichnet wurde. Stockton wurde unter anderem beschuldigt, einen Mann namens Aaron Barker ermordet zu haben, worauf sich die Bande nach Colorado absetzte. Dort wurde auf ein Mitglied der Bande im August 1881 sogar ein Kopfgeld von 2.500 $ ausgesetzt, nachdem dieses US-Marshal Clate Ogsbury getötet hatte - gerüchtehalber lieferte Stockton daraufhin seinen eigenen Mann an die Behörden aus, um das Kopfgeld zu kassieren. Falls dies stimmt, scheint es ihn jedenfalls bei Gesetzeshütern nicht beliebter gemacht zu haben: Bei einer Schießerei mit einem Mann namens Jim Sullivan, Deputy Sheriff von Silverton, Colorado, im September 1881 wurde Ike Stockton ins Bein getroffen und verhaftet. Die Wunde entzündete sich. Der Versuch, tödlichen Wundbrand durch die Amputation des Beins zu verhindern, schlug fehl, und Der Outlaw starb am 27. September 1881 an seiner Verletzung. Angeblich soll Deputy Sheriff Jim Sullivan nach Stocktons Tod gesagt haben, wenn er eines mehr hasse als einen Mörder, dann sei dies ein Verräter.


Montag, 28. April 2025

20. Januar 1881 - Ein Interview mit Billy the Kid

 Am 23. Dezember wurden Billy the Kid, Dave Rudabaugh und Billy Wilson von Sheriff Pat Garrett geschnappt und ins Gefängnis nach Lincoln County gebracht. Dort sollten Sie einsitzen, bis Ihnen im April in Mesilla der Prozess gemacht werden sollte. Billy sah sich speziell zwei Anklagen gegenüber: Der Tötung von Andrew "Buckshot" Roberts, und dem Mord an Lincoln County Sheriff William Brady.

Während dieser Haft gelang es einem Reporter, ein Interview mit den inhaftierten Banditen zu führen, dass am 20. Januar 1881 in der Las Vegas Gazette erschien. Es zeichnet ein erstaunlich entspanntes Bild, dass Billy an den Tag zu legen schien, während er auf seinen Mordprozess wartete; er und seine Gefährten scherzen, die Banditen beschweren sich, dass so ziemlich jedes Verbrechen im Land ihnen in die Schuhe geschoben würde - oder dass jeder, der eines Verbrechens in Lincoln County beschuldigt werde, gleich als Mitglied von Billy's Bande gelte - und als The Kid selbst befragt wird, was er von seinem Ruf als gefährlicher Outlaw halte, entgegnet dieser nur, "dass damit kein Geld zu verdienen ist."

20 Jan 1881, Thu The Las Vegas Gazette (Las Vegas, New Mexico) Newspapers.com

Generell scheinen die inhaftierten Outlaws noch guter Dinge zu sein. Die Lage sollte sich speziell für Billy bald ändern, als er im April 1881 schließlich dem Richter in Mesilla vorgeführt werden sollte...

Montag, 10. Februar 2025

12.August 1881: Billy the Kid - "Sein wahrer Name war McCarthy"

 Bei allen fantastischen Lügengeschichten, die über das Leben und die Eskapaden von Billy the Kid berichtet wurden: es ist doch davon auszugehen, dass es zu Lebzeiten von "William Bonney" auch im Lincoln County einige Leute gab, die über die wahre Herkunft von "The Kid" Bescheid wussten - oder besser Bescheid wussten als die Sensationsgier verschiedener Zeitungen, die alle für sich beanspruchen wollten, die wahre Herkunft des berüchtigten Outlaws ausgemacht zu haben.

Inmitten dieser zahlreichen Falschmeldungen geht die Wahrheit leicht verloren. Es findet sich aber hin und wieder auch in zeitgenössischen Quellen auch ein Beitrag, der sich entschieden gegen die Sensationslust stellt - und der tatsächlich ein paar belegbare Fakten liefert, anhand derer sich die Herkunft von Billy The Kid - oder eine mögliche Identität - besser herausfinden lässt. Ein solcher Beitrag im Lancaster daily intelligencer (Pennsylvania, 12. August 1881, wohl zuerst abgedruckt im St. Louis Globe-Democrat, Missouri), der als Leserzuschrift wohl in direkter Reaktion auf die Sensationsmeldung in der Philadelphia Times vom 19, Juli 1881 entstanden ist, liefert einiger solche Fakten: Dass sein richtiger Familienname "MacCarthy" gewesen sei; dass er in New York geboren wurde; dass seine Mutter einen "Mann namens Antum" geheiratet habe und sich in Silver City, New Mexico, mit diesem niederließ, und dass dort noch ein Bruder von ihm lebe; dass er dort erstmals mit 15 Jahren wegen Ladendiebstahls verhaftet wurde; und dass er erstmals im Alter von "16 oder 17 Jahren" einen Mann in Arizona tötete. 

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Die meisten Historiker gehen davon aus, dass das hier gezeichnete Bild des jungen "Billy The Kid" der Wahrheit entspricht. Einzig der Vorname war nicht korrekt: Der Junge, von dem hier die Rede ist, hieß nicht "Billy" sondern Henry McCarthy, aber sein Stiefvater hieß William Antrim - und dessen Namen hatte Henry McCarthy angenommen, als er im Alter von 17 Jahren bei Fort Grant einen 32-jährigen Iren namens Frank Cahill im Streit erschoss...

Montag, 27. Januar 2025

30. Juli 1881: Der kleine "Billy The Kid" - Jugendlicher Bandit einer "Gang of New York"?



 Kurz nach dem Tod von Billy the Kid im Juli 1881 sollten Zeitungen aus nahezu jedem der Staaten der USA - wie es der New York Dispatch am 14. August 1881 formschön ausdrückte - derart danach streben, Billy the Kid als einen "Einheimischen" ihres Staates zu identifizieren, dass "die Aufmerksamkeit eines jungen Burschen von dem Gedanken, einmal Präsident werden zu wollen, abgelenkt [werde], und er nun täglich über um ein hervorragende Schütze und berühmter Assassine zu werden."


Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Noch während Billy's Lebzeiten kristallisierte sich allerdings heraus, dass "The Kid" wohl in New York geboren wurde oder zumindest mehrere Jahre seiner Kindheit dort verbracht haben soll. Eine der gängigsten Theorien verortet die Geburt Billy's in die sogenannten "Five Points" von New York - einer Gegend, die von vielen irischen Einwanderern bewohnt wurde, die aber auch von Armut und Bandenkriminalität geprägt war. Wer den Film "Gangs of New York" gesehen hat, mag sich ein Bild davon machen, wie es in den Five Points in Billy's Kindheitstagen zugegangen sein mag.

Was gäbe es Naheliegenderes als anzunehmen, dass Billy tatsächlich in Kindestagen ein Bandenmitglied einer solchen "Gang of New York" gewesen sein mag? Genau das tat so manche New Yorker Zeitung in dieser Zeit, wie beispielsweise hier der New York Dispatch vom 31. Juli 1881 - ja, eben jene Zeitung, in der jemand nur zwei Wochen später sich jemand über die Sensationslust dieser "Billy the Kid" Artikel beklagen sollte.

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

In diesem Artikel, der sich um sogenannte "Growler Clubs" dreht - Kaschemmen, in denen "Säufer geschaffen und Diebe gelehrt" werden - wird Billy the Kid als ein Miglied der sogenannten "Sixth Ward Gang" identifiziert, zu der auch Getalten wie "Cow Leg" Sam, "The Blower", "Butch" McCarthy (!), "Red" Leary oder "Shang" Draper gezählt werden. Es ist faszinierend, wie dieser Beitrag - der sich eigentlich um das kriminelle Nachtleben und den schlechten Einfluss solcher Tavernen auf Jugendliche in New York dreht - darauf zurückgreift, einfach den Namen des zu dem Zeitpunkt berüchtigsten Outlaws des Wilden Westens fallen zu lassen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. (Der Historiker Frederick Nolan hat im Übrigen Belege gefunden, dass es in der Unterwelt von New York tatsächlich einen Mann namens Henry McCarthy gab, der in den 1870er Jahren in New York einen anderen Mann mit einem Messer erstach und der wohl zu dieser kriminellen Halbwelt New Yorks gezählt hatte. Da der Name McCarthy allerdings sehr weit verbreitet war - und auch heute noch ist - ist wohl davon auszugehen, dass der New York Dispatch einem Irrtum aufgesessen ist. Ja, ein Henry McCarthy könnte wahrscheinlich Mitglied der Sixth Ward Gang gewesen sein. Aber dieser  McCarthy war nicht derselbe, der später einmal "Billy the Kid" werden sollte...

Montag, 5. August 2024

21.4.1881: "Die Grenzen des Telefons sind noch nicht gründlich erprobt..."

Ich finde es immer wieder faszinierend, zu sehen, wie revolutionär heute selbstverständliche Technologien damals in den Jahren ihrer Erfindung waren - und wie unterschiedlich diese damals aufgenommen wurden. Anfang April 1881 wurde zwischen New Orleans (Louisiana) und dem etwa 330 Kilometer nördlich gelegenem Vicksburg (Mississippi) eine permanente Telefonleitung gelegt und nach einigen Tests dauerhaft beibehalten. Vielen überregionalen Zeitungen (und auch einigen in den betreffenden Staaten selbst) war dies keine größere Meldung wert. Allerdings habe ich in zwei texanischen Zeitungen, die beide am 21. April 1881 erschienen sind, kurze Meldungen zu diesem Ereignis gefunden. 

Der "Daily Democrat" aus Fort Worth wagt sich an eine - zu diesem Zeitpunkt alles andere als selbstverständliche - Prognose: "Die Grenzen des Telefons sind noch nicht gründlich erprobt, aber es ist genug bekannt, um zu rechtfertigen, dass sie in einigen Jahren den Telegraphen in erheblichem Maße verdrängen werden. Vor einigen Tagen wurden Experimente zwischen New Orleans und Vicksburg durchgeführt, die so zufriedenstellend verliefen, dass zwischen den beiden Städten eine Telefonzentrale eingerichtet wurde. Ein Kaufmann aus Vicksburg bestellte Waren bei seinem Korrespondenten in New Orleans, und der Ton wurde so korrekt übertragen, dass die Stimme des einen vom anderen erkannt wurde."

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 5th, 2024

Im Vergleich dazu haben die "Galveston Daily Newspaper" für diese Meldung gerade einmal 8-9 Worte übrig: "New Orleans ist nun mit Vicksburg telefonisch verbunden" heißt es dort lapidar. Viel wichtiger scheint in den Augen der Zeitung dagegen die Nachricht zu sein, dass das Pariser Modehaus Worth nun auch "Korsetts für Gentlemen" bewirbt! 

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 5th, 2024



Nebenbei wird hier auch die (nicht ganz uninteressante) Notiz erwähnt, dass für das Jahr 1881 ungefähr eine halbe Million Emigranten aus Europa in den USA erwartet werden, und das, falls der Fall des "drohenden Exodus aus Böhmen" eintrete, diese Zahl auf eine Million steigen könnte. Mir ist nicht ganz klar, auf welchen "drohenden Exodus" hier verwiesen wird; Zwar waren aus Böhmen durchaus (wie aus anderes Gebiete des Deutschen Reichs oder des Österreichischen Kaiserreichs auch) zwischen 1848 und 1910 zahlreiche Einwohner nach Amerika ausgewandert, aber für die frühen 1880er Jahre wäre mir kein Anlass für eine besonders große Auswanderungswelle bekannt.

Mittwoch, 10. Juli 2024

Deadwood, 1881: "In diesem, dem ziviliserten Teil des Wilden Westens, ist [das Tragen einer Waffe] unnötig"


Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet in einer Zeitung aus Deadwood , South Dakota - ja, DEM Deadwood aus der gleichnamigen TV-Serie - ein Beitrag über den verantwortungsvollen Umgang mit Schusswaffen zu finden wäre? Genau dieses tat die Tageszeitung "Black Hills Daily Times" am 20. Dezember 1881, als sie von der "Absurdität des Tragens von Revolvern oder Schusswaffen jeglicher Art in dieser Stadt" spricht:

20 Dec 1881, Tue The Black Hills Daily Times (Deadwood, South Dakota) Newspapers.com
Der Beitrag wirkt mit seiner Betonung der Friedlichkeit von Deadwood, seinen "gesetzestreuen" Bürgern" und dem Vermerk, dass das tragen einer Waffe "unsinn und gefährlich sei", umso absurder je mehr man bedenkt, dass die Fernsehserie Deadwood und seine Charaktere sehr wohl auf wahren Begebenheiten beruhten. Die TV-Serie spielte in den Jahren 1876 und 1877, der Deadwood-Film 1889 - Al Sverengen, Seth Bullock & Co. waren allesamt reale Bewohner des Ortes, als dieser Zeitungsartikel erschien! Demnach war "Charles Estelle, der Koch im Merchant's [...] der unglückliche Besitzer einer Pistole, für die er nie die Gelegenheit hatte, sie zu benutzen, und es wahrscheinlich auch nie gehabt hätte solange er in dieser gesetzestreuen Stadt verbleibt". Dennoch trug er eine Waffe bei sich, die ihm entglitt und auf den Boden stürzte, worauf sich ein Schuss löste der ihn "direkt oberhalb des Knies" ins Bein traf. "Die Wunde ist schmerzhaft, aber nicht weiter gefährlich als dass sie den Erleider sein Leben lang mit einem lahmen Bein an die Narretei des Tragens einer Waffe erinnern dürfte."
Die Schreiber der Zeitung betonen gleich mehrmals, dass Deadwood - das auch damals schon eher als ein weitgehend gesetzloser Ort berüchtigt war - weit weniger gefährlich sei als andernorts: "In Chicago, wo ein Mann jeden Moment von Schlägern angegriffen werden kann, würde ein Mann die übliche Vorsicht grob vernachlässigen, wenn er sich nicht bewaffnet. Aber in diesem, dem zivilisierten Teil des Wilden Westens, ist diese Praxis unnötig und gefährlich."
Aber Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel: In einem besonders schönen Beispiel von "Tut was ich sage, nicht was ich tue" muss der Autor dieses Beitrags seine Aussage allerdings auch wieder hinsichtlich einer Berufsgruppe revidieren: "Natürlich müssen Redakteure bewaffnet sein, denn die unerbittliche Pflicht kann sie dazu zwingen, einen Menschen um eines Artikels willen zu töten; aber Redakteure sind kluge und besonnene Männer und spielen nicht mit einer Waffe herum, wenn sie sie nicht benutzen wollen."

Freitag, 28. Juni 2024

Vermischtes: "Eine Uhr schmückt nun das Schreibzimmer des Komantschenhäuptlings"

Wenn ich alte Zeitungen aus der Zeit des "Wilden Westens" durchblättere werfe ich immer gerne einen Blick auf die Kurznachrichten. Diese oft nur in jeweils 2-4 Zeilen wiedergegebenen Beiträge vermitteln oft einen besseren Eindruck über das, was die Bewohner in diesen Tagen alltäglich beschäftigt und interessiert hat als die großen Artikel über einmalige Ereignisse. 


Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 28, 2024

Das hier gepostete Beispiel zeigt eine Reihe von Kurznachrichten aus dem "Brenham Daily Banner" vom 24. April 1881, erschienen im texanischen Örtchen Brenham (das zu diesem Zeitpunkt etwa 4000 Einwohner hatte). Hier finden sich viele Beispiele von typischen Themen wieder, die in jenen Tagen und Gegenden regelmäßige Relevanz hatten: Wetter und Landwirtschaft spielen eine große Rolle ("Der Späte Frost hat die erste Ernte in Milam County zerstört"; Baumwollsamen sind in der Gegend von Waelder in Gonzales County sehr knapp"); Wildwest-Kriminalität ("Pferdediebe haben vergangene Woche in Rockwell zugeschlagen"); Krankheiten und Seuchen ("Die Häftlinge in Jefferson sitzen gerade eine Zeit Mumps und Masern ab"; "Es gibt Mumps, Masern, Scharlach und Keuchhusten in und um Giddings, infolgedessen sind die Schulen vorübergehend geschlossen"); amüsierte Beobachtungen ("George Washington lenkt einen Lumpensammlerwagen in Austin, und Thomas Jefferson verkauft Eiskrem in Brenham"); und Nachrichten von gesellschaftlichem Interesse ("Die beiden vielversprechendsten Witwer von Caldwell haben sich jüngst neu verheiratet"; "James C. Francis, langjähriger Bürger von Austin, ist kürzlich verstorben").

Und mitten in diesen allgemeinen, aber fast banal anmutenden alltäglichen Nachrichten steht plötzlich diese Notiz: "Eine Uhr ziert nun das Schreibzimmer des Komantschenhäuptlings. Sie macht sich schick."

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 28, 2024

Es sind nur vier kurze Zeilen, aber sie erzählt so viel und wirft gleichzeitig so viele Fragen auf. Es zeichnet ein Bild eines Natives, das wahrscheinlich in dieser Zeit gar nicht einmal so nicht unüblich war und das doch im Widerspruch zu den heute geläufigen Western-Klischees steht: Ein indigener Häuptling, der ein typisches zivilisiertes Schreibzimmer besitzt, in dem natürlich auch eine Uhr steht. Tatsächlich interagierten Comanchen und "weiße Texaner" in diesen Tagen viel miteinander; Quannah Parker, der oft als "der letzte [Kriegs-]Häuptling der Comanchen" bezeichnet wird, war beispielsweise in diesen Tagen ein Geschäftspartner des bekannten texanischen Ranchers Charles Goodnight. Gleichzeitig zeigt es die Ignoranz der "weißen Texaner" gegenüber ihren indigenen Nachbarn, spricht der Beitrag doch von "DEM Komantschen-Häuptling", nennt ihn aber nicht bei Namen - wer ist hier denn gemeint? (Die Comanche sind weniger ein einzelner Stamm als vielmehr eine indigene Nation, die sich aus mehreren Stämmen zusammensetzt - und daher mehrere "Häuptlinge" bzw. Anführer haben kann.) Dennoch mag es 1881 noch kurios genug erschienen zu sein, dass die Zeitung es für nötig hielt, hier einen kurzen Beitrag zu verfassen. 

Dienstag, 11. Juni 2024

14. April 1881: Vier Tote in fünf Sekunden

Am 14. April 1881 ereignete sich in den Straßen der texanischen Boomtown El Paso, nahe der mexikanischen Grenze, eine der berühmtesten Schießereien des Staates Texas. Der Schießerei war ein Streit über in Mexiko gestohlene Rinder und die Ermordung zweier Mexikaner, die den Rinderdieben nachstellten, vorangegangen. Die getöteten Männer waren in der Nähe der Ranch eines gewissen John Hale gefunden worden.An der Schießerei beteiligt war Dallas Stoudenmire, der selbst erst drei Tage zuvor zum Marshal des rapide wachsenden Städtchens berufen worden war.

Die Schießerei wurde auch als der "Four Dead in Five Seconds Gunfight" bekannt und war, wie der Name andeutet, schnell vorüber und äußerst tödlich. John Hale und ein mit ihm befreundeter Rancher namens Georga Campbell - selbst ehemaliger Town Marshal von El Paso  - waren mit einem Deputy namens Gus Krempkau in Streit geraten. Krempkau hatte bei einer Anhörung hinsichtlich der getöteten Männer für die anwesenden Mexikaner spanisch übersetzt und dadurch in den Augen von Campbell und Hale zu sehr für die Mexikaner Partei ergriffen - stand doch implizit auch der Vorwurf im Raum, dass Angestellte Hale's in den vorausgegangenen Rinderdiebstahl und die Ermordung der zwei Mexikaner involviert gewesen sei. Während der Konfrontation zog ein stark angetrunkener Hale einen von Campbell's Revolvern und schoss - ob absichtlich oder unabsichtlich ist nicht geklärt - auf Krempkau, der tödlich getroffen zu Boden ging. Von dem Schuss aufgeschreckt sprang Dallas Stoudenmire, der eben auf der anderen Straßenseite zu Mittag gegessen hatte, auf, zog seine beiden Kaliber .44 Smith & Wesson Revolver und rannte aus beiden Waffen schießend auf die Straße. Nachdem die auch als “Battle of Keating’s Saloon" bekannte Schießerei nach nur wenigen Sekunden vorbei war, waren vier Männer tot oder lagen im Sterben: Krempkau, Hale, Campbell sowie ein weiterer unbeteiligter Mexikaner, der wohl von einer von Marshall Stoudenmire's Kugeln in den Rücken getroffen wurde als er versuchte wegzulaufen.

Die Nachricht über den Schusswechsel verbreitete sich in Windeseile und fand sich im Lauf der folgenden Woche in Zeitungen in den gesamten Vereinigten Staaten wieder, an Ost- und Westküste gleichermaßen. Am genauesten berichtete dabei noch die deutschsprachige "Freie Presse für Texas" über den Vorfall, die  sich in ihrem Bericht noch die Mühe machte, auch die Hintergründe der kurzlebigen und fatalen Schießerei aufzurollen:

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 11, 2024

Die meisten Zeitungen, die landesweit von den Vorfall berichteten, druckten in weiten Teilen den selben wohl via Telegraphen verbreiteten Bericht ab, der allerdings bereits einige Fakten durcheinander brachte: Statt von einer Schießerei, die effektiv im Streit über zwei ermordete Mexikaner ausgebrochen ar, zu berichten heißt es hier nun, während der Schießerei seien zwei (nicht ein) Mexikaner getötet worden; und Deputy Krempkau, der von Hale und Campbell als "Mexikaner-Freund" beschimpft worden war, wurde posthum selbst zum Mexikaner gemacht.

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Interessant übrigens, wie in einem Fall von Flüsterpost der -falsche- Grundtenor des Artikels erhalten bleibt, aber die Zeitungen selbst den ungewöhnlichen Namen "Krempkau" stets in einer anderen Falschen Variante wiedergeben. Die Freie Presse für Texas hatte ihn noch richtig genannt, in diesem Beitrag wird er hingegen "Kremkan" genannt; in anderen Versionen wird aus dem Namen etwa ein "Kremkaw" (Daily Los Angeles Herald, Kalifornien); "Kreman" (Watertown Republican, Watertown, Wisconsin); oder gar "Kremalus" (Eureka Daily Sentinel, Nevada).

Dallas Stoudenmire sollte nach dieser Schießerei im gesamten Land bekannt werden, auch wenn die Zeitungen in den ersten Tagen nach dem Vorfall nur recht wenig über die Identität des "Town Marshals", der "ohne Erfolg versucht hatte "die Unruhe zu dämpfen" (tatsächlich saß er als der Vorfall begann auf der anderen Straßenseite im Saloon seines Schwagers beim Mittagessen). Drei Tage später sollte ein ehemaliger Deputy Marshal namens Bill Johnson, der von Stoudenmire am Tag seiner Amtseinführung gefeuert und gedemütigt worden war, ein erfolgloses Attentat auf Stoudenmire durchführen. Dies sollte den Ruhm von Dallas Stoudenmire über die Grenzen des Staates Texas hinaus bekannt machen. Unter anderem berichtet der "Deutsche Correspondent" aus Baltimore, Maryland, am 20. April 1881 über "Stadtmarshall Dallas Studemeyer"...

 
Quelle: Chronicling America - Library of Congress

...wenngleich auch hier die Details ein wenig durcheinander gerieten (Bill Johnson war nur ein ehemaliger Deputy Marshal gewesen; Stoudenmire hatte aber während des "Four Dead in Five Seconds Gunfight" seinen Amtsvorgänger George Campbell erschossen).

El Paso war übrigens in diesen Tagen als ein heißes Pflaster bekannt: Ein Städtchen nahe der mexikanischen Grenze, durch welches drei Eisenbahnlinien liefen. Speziell die zwei direkten Eisenbahnverbindungen zwischen den USA und Mexiko, die in diesem Ort Halt machten, und der gleichzeitig boomende Rindermarkt ließen El Paso in Windeseile wachsen: Anfang 1880 hatten noch gerade einmal zwischen 700 und 800 Einwohner in dem Örtchen gelebt, doch bis zum April 1881 sollte diese Zahl bereits auf etwa 6000 anschwellen! Das machte El Paso selbst innerhalb von Texas als einen besonders wilden und gesetzlosen Ort bekannt, der in diesen Tagen auch unter dem Spitznamen "Hell Paso" bekannt wurde. Der "Brenham Daily Banner" (Brenham, Texas) hielt am 19. April 1881 die folgende nette Beschreibung über El Paso bereit:

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 11, 2024

"Man stelle sich die Straßen von San Angela vor, nur mit den Dächern allesamt flach, und etwa 1000 betrunkene Männer, Eisanbahnarbeiter, Glücksspieler und Abenteurer die durch die Straßen torkeln, streiten und johlen, und man hat eine ziemlich akkurate Vorstellung von El Paso wie es gerade ist. Dass dort eines Tages eine gute Stadt entstehen wird, oder wahrscheinlich eher ein Stückchen weiter flußabwärts, daran hege ich keine Zweifel."


Montag, 29. April 2024

"Ein seltsamer religiöser Fanatismus, der auf Menschenopfern beruht"

Ein klassische Bild des Wilden Westens, dass auch in der Frühzeit des Western-Films bereits auftaucht - der Stummfilm-Western "Hell's Hinges" aus dem Jahre 1916 von und mit Western-Legende William S. Hart fällt mir spontan als Beispiel ein - ist das Bild des Priesters, der an der Frontier düstere Predigten über das Alte Testament und einen zürnenden Gott hält und der vor drohenden, fast schon apokalyptischen Zuständen warnt - und die Jahre während und nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, der die Nation lange Zeit gespalten hat, haben mit Sicherheit einige solcher Beispiele hervorgebracht. Das Klischeebild hat sich bis in die heutige Zeit erhalten, auch jenseits des Films: Das Rollenspiel-System Deadlands, ein Wildwest-Setting gespickt mit übernatürlichen und Horror-Elementen (und vielleicht wenig überraschend eines unserer beliebtesten RPG-Settings) hält ebenfalls das Beispiel eines Feuer-und-Schwefel predigenden Priesters hervor. Wie in Rollenspielsystemen üblich wird dieses Trope gerne auch mit dem Fantasy-Archetypen des "falschen Priesters" kombiniert, der statt mit göttlichen mit dämonischen Mächten im Bunde steht, und der statt Hoffnung Angst, Schrecken, Angst und finstere Motive in die Herzen seiner Gemeinde sät. Aber letzteres ist meist nur reine Erfindung, ein Bösewicht für Roman- und Filmhelden, den es zu bezwingen gilt... nicht?

Umso erstaunter war ich über diesen Beitrag der texanischen Zeitung "The Galveston Daily Newspaper" vom 21.4.1881, der geradewegs aus einem Deadlands-Abenteuer oder einem Western-Horror-Film zu entsprungen scheint. Demnach wurde bei Little Rock in Arkansas, an einem Baum in einem entlegenen Wäldchen aufgeknüpft, die Leiche eines Predigers gefunden, der von wohl sechs Männern gelyncht worden war. Dieser Reverend Matlock war aber offenbar eine sehr berüchtigte Gestalt: Ein Prediger, der "eine seltsame Mischung aus Fanatismus, Bigotrie und Aberglauben" verbreitete und seine Gefolgschaft zum Vergießen menschlichen Blutes aufforderte, um den "Zorn einer beleidigten Gottheit" zu besänftigen, und in deren Namen wohl auch mehrere schauderhafte Morde begangen wurden!  

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 29, 2024


Mittwoch, 17. April 2024

"Statistisches über Texas"

 Denkt man an den "Cowboy-Staat" Texas, denkt man zuallererst an riesige Rinderherden, an Viehtrecks, die Open Range, und an wilde Pferde. Das alleine sagt aber wenig darüber aus, wie die Wirtschaft im "Wildwest"-Texas wirklich aufgestellt war. Wieviele Rinder gab es denn genau in Texas, wie viele Pferde wurden gezüchtet, und mit welchen texanischen Waren wurde sonst so gehandelt?

Darum freut es mich immer, beim Durchstöbern alter Zeitungen aus der Wild-West-Ära auf Artikel wie diesen zu stoßen Die deutschsprachige "Freie Presse für Texas" aus San Antonio veröffentlichte am 21. April 1881 unter dem Titel "Statistisches über Texas" Auszüge aus einer Broschüre, die "Der Präsident der südwestlichen Einwanderungscompagnie von Texas, Wm. W. Lang", zusammengestellt hatte. In ihr hatte Mr. Lang diverse Zahlen, Fakten und Daten über die texanische Wirtschaft zusammengestellt, darunter unter anderem auch diese Liste für das Jahr 1878:


Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 17, 2024

Demnach war auch 1878 noch Baumwolle das wertvollste Exportgut; "die ganze Welt consumiert  [sic]ungefähr 12.000.000 Ballen Baumwolle jährlich," schreibt die Freie Presse. "Diese gesamte Summe könnte auf 19.000 Quadratmeilen in Texas gezogen werden. Das Areal von Texas beträgt 274.356 Quadratmeilen". Worüber sich der Beitrag ausschweigt (wohl um potentielle Einwanderer nicht zu verschrecken) ist, wie viel von dem Areal auch für den Anbau von Baumwolle geeignet ist. Baumwollplantagen waren in der Tat ein wichtiger Teil der texanischen Wirtschaft, doch fast nur die nördlichen Regionen des Staates eigneten sich auch dafür.

Natürlich dürfen die Rinder und Pferde nicht unerwähnt bleiben: Demnach befänden sich in TExas zu der Zeit geschätzt 4.464.000 Rinder in einem Wert von 39.640.320$ in Texas. Pferde sind in den Exportstatistiken eher gering, was laut Zeitung daran läge, dass "Die guten Pferde [...] in Texas selbst verbraucht [werden].". Mit 963.000 Tieren in Texas gäbe es nur einen Staat der Union, der diese Zahl noch überbietet: Illinois! Das mag im ersten Moment überraschen, aber Illinois galt als das Herz der amerikanischen Rennpferdezucht, der Staat benötigte für seine zu diesem Zeitpunkt sehr fortgeschrittene Industrialisierung zahlreiche Arbeitspferde für Transporte und dergleichen, und zu diesem Zeitpunkt mit Oaklawn Farm die größte Pferdezucht der Welt in Illinois.

Doch eine andere Tierart sollte Pferde und auch Rinder 1878/79 in Texas weit übertreffen: Schafe!

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed April 17, 2024

Ja, Schafe! Waren 1860 noch weniger als 800.000 Schafe in Texas gezogen worden, schwoll deren Zahl bis zum Jahr 1879 auf 5.148.700 Tiere an! "Jetzt ist Texas der zweit[größt]e Wollzüchterstaat der Union", schreibt die Freie Presse; nur in Kalifornien (7.646.800) gäbe es zu diesem Zeitpunkt noch mehr Schafe. Um 1880 herum hatte sich der große Rinderboom merklich abgekühlt, und Texas bekam das als einer der ersten Staaten deutlich zu spüren. Schafe waren im Vergleich zu Rindern leichter auf engerem Raum zu halten, warfen mit Wolle ein Ertragsprodukt ab ohne sie schlachten zu müssen und vermehrten sich schneller; während gerade in den späten Jahren des Rinderbooms nur noch reiche, große Rancher sich einträgliche, riesige Herden leisten konnten, war es für weniger gut betuchte Siedler (und auch einige umsattelnde Viehzüchter) einfacher, auf Schafzucht zu setzen. Das ging nicht immer reibungslos vonstatten und sollte in den kommenden Jahren in den sogenannten "Sheep Wars" gipfeln; dazu erzählen wir aber ein anderes Mal mehr.

Flora Mundis alias Tom King (Teil 2) – Wie sich Legenden bilden

"Desperado Tom King erschießt einen ihrer Verfolger" – mit dieser markigen Überschrift macht der Guthrie Daily Leader am 17.12.189...