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Dienstag, 25. März 2025

Juli 1878: Krieg in Lincoln County

Vom 14. bis 19. Juli tobte in den Straßen von Lincoln, New Mexico, ein Feuergefecht zwischen Alexander McSween und den ihn begleitenden "Lincoln County Regulators" und einer Posse von Lincoln County Sheriff George Peppin, der auch James Dolan und Jesse Evans angehörten - Männern, die nur wenige Monate zuvor vor Gericht angeklagt worden waren, den Rancher John Tunstall ermordet zu haben....

Diesem Fünftägigen Gefecht, dass auch als die "Schlacht von Lincoln" bekannt werden sollte, bei der sich zwischen 80 und 100 Menschen ein Feuergefecht lieferten und in das letztlich sogar die Kavallerie involviert wurde, waren in den Wochen zuvor bereits mehrere Schießereien zwischen den beiden Parteien vorausgegangen. Die Regulatoren jagten die Mörder Tunstalls und deren Hintermänner, die wiederum den Gouverneur New Mexicos und den Sheriff auf ihrer Seite wussten und mit deren Hilfe Jagd auf die Regulatoren und Alexander McSween machten. Zeitungen wie der Weekly New Mexican (Santa Fe, New Mexico) fanden eindeutige Worte für diese Situation: Noch während die Auseinanderesetzung tobte war ganz klar von einem "Lincoln County War" die Rede.

27 Jul 1878, Sat Weekly New Mexican (Santa Fe, New Mexico) Newspapers.com

Montag, 3. Februar 2025

17. 8. 1877: Kid Antrim alias "Billy the Kid" tötet Frank Cahill

Dem Outlaw Billy the Kid, alias William H. Bonney, alias William Antrim, alias "Kid" Antrim, alias Henry McCarty, wurde auf dem Höhepunkt seines gesetzlosen Treibens nachgesagt, er habe im Alter von gerade einmal 20 Jahren für jedes Jahr seines Lebens mindestens einen Mann auf dem Gewissen. Wie viele es wirklich gewesen sind ist bis heute unklar - man geht inzwischen in der Regel davon aus, dass es gerade einmal vier waren, wobei Billy bei diversen anderen Schießereien, in denen jemand ums Leben kam, zumindest beteiligt war.

Was wir wissen ist die erste belegte Tat, wegen der "The Kid" wegen Mordes belangt und gesucht wurde: Am 17. August 1877 tötete Billy in der Nähe von Camp Grant, Arizona, den etwa 32-jährigen gebürtigen Iren Frank Cahill nach einem Streit, in dem er ihm aus nächster Nähe in den Bauch schoss - Cahill sollte an dieser Verletzung am nächsten Tag sterben. Da Cahill bis zu seinem Dahinscheiden noch mehrere Stunden bei Bewusstsein blieb, konnte er noch auf dem Sterbebett seine letzte Aussage tätigen, die mehrere Zeitungen in Arizona (darunter der Arizona Weekly Star vom 23. August 1877) abdruckten:

23 Aug 1877, Thu Arizona Weekly Star (Tucson, Arizona) Newspapers.com

"Ich, Frank Cahill, in der Überzeugung dass ich bald sterben werde, mache die folgenden Worte als meine letzte Aussage: Ich wurde geboren im County und in der Stadt Galway, Irland; gestern, am 17. August 1877, hatte ich einigen Ärger mit Henry Antrim, auch als Kid bekannt, während dessen er auf mich schoss. Ich hatte ihn einen Pimpf genannt, und er nannte mich einen H----s---; wir ergriffen daraufhin einander; Ich habe ihn nicht geschlagen, denke ich; sah, wie er nach seiner Pistole griff, und versuchte sie zu greifen, aber ich konnte es nicht, und er schoss mir in den Bauch; Ich habe eine Schwester namens Margaret Flannagan, die in East Cambridge, Massachusetts, lebt, und eine weitere namens Kate Condea, die in San Francisco lebt,"

Tatsächlich sollte es Zeugen geben, die berichteten, dass sich Cahill auf Kid Antrim geworfen und auf ihn eingeschlagen hatte, bevor Antrim schoss; wenigstens ein Zeuge war der Auffassung, dass sich der Schuss im Gerangel zwischen den beiden wohl versehentlich gelöst haben konnte. Doch da William Antrim unmittelbar nach der Tat die Flucht ergriff, und ein Leichenbeschauer die Tötung als "kriminell und ungerechtfertigt beurteilte" (siehe den folgenden Bericht vom Arizona Weekly Citizen vom 25. August 1877), wurde "Kid Antrim" des Mordes beschuldigt und als Mörder in Arizona gesucht. Billy setzte sich daraufhin wieder zurück ins New Mexico Territory ab - wo er nur wenige Monate später direkt in den ausbrechenden Lincoln County War verwickelt werden sollte...

Cahill killing 1877Cahill killing 1877 25 Aug 1877, Sat Arizona Weekly Citizen (Tucson, Arizona) Newspapers.com


Montag, 20. Januar 2025

3. August 1881 - "Die Geschichte eines Outlaws": Wilde Fantastereien über den Gesetzlosen "Billy the Kid"

 Der Lincoln County War und die Eskapaden von Billy the Kid fielen in eine Zeit, in der Groschenromane über den Wilden Westen, aber aus Sensationsjournalismus in einem vorher noch nie dagewesenem Maß produziert wurden. Die Brutalität des "Cowboy-Kriegs" in New Mexico und die draufgängerische, dramatische Art und Weise, mit der Billy the Kid aus gefährlichen Schießereien und dem Zugriff seiner Häscher ein ums andere Mal entkam, beflügelte die Neugier und Sensationslust von Zeitungslesern im gesamten Land. Bald schon war der gerade einmal 21-jährige Billy der berühmteste und berüchtigste Outlaw der gesamten Vereinigten Staaten.

Und je wilder diese Geschichten wurden, um so mehr entfernten sich die Berichte darüber von der Realität. Noch zu Lebzeiten nahmen die Geschichten über den "Bandenführer" Billy the Kid immer fantastischere Züge an - und nach seinem Tod lieferten sich Zeitungen geradezu ein Wettrennen mit neuen "Enthüllungen" über das Leben des "Banditenkönigs". Diese - meist frei erfundenen - Geschichten sorgen dafür, dass es heute umso schwerer ist, genaue, belegbare Informationen über das Leben des jungen Mannes zu erfahren, der er war, bevor ein junger Mann namens "William H. Bonney" im Herbst 1877 in Lincoln County, New Mexico, auftauchte und sich dort bald als "Billy, the Kid" einen Namen machen sollte.

Ein besonders herrliches Beispiel einer solchen "Enthüllungsstory" über die "Geschichte eines Outlaws" - an der so ziemlich gar nichts stimmt - konnte ich im Clearfield Republican (Clearfield, Pennsylvania) vom 3. August 1881 finden. Der Bericht wurde wohl aus der Philadelphia Times vom 19. Juli 1881 übernommen und entstand damit gerade einmal wenige Tage nach Billy's Tod am 14. Juli 1881. Der Artikel liefert einige Wilde Beschreibungen zu The Kid. Zu meinen persönlichen Highlights zählen ein regelrechtes Kastell ("Castle"), dass Billy und seine Gang in der Wüste von New Mexico bewohnen sollte; dass diese "Festung" ("stronghold") groß und stark genug sei, um über 200 Rinder in ihrem Inneren zu beherbergen und einem Ansturm von Texas Rangern standhalten konnte;  dass der "boy demon" bei seinen Eskapaden einen mit Gold und Juwelen besetzten Hut aus Biberfell tragen sollte, der allein 300$ gekostet haben mag; und dass er in Irland geboren wurde um mit 16 Jahren in Texas erstmals getötet haben soll, nachdem er den Sohn eines reichen Mannes im Handgemenge tötete, nachdem sich dieser abfällig über Billy's Vater geäußert haben soll. 

Nichts davon entspricht der Wahrheit, aber es ist ein spannendes, von erfundenen Zitaten und wilden Eskapaden geprägtes Lesestück!



Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Mittwoch, 2. Oktober 2024

17. August 1871: "Ein besonders teuflischer Mord" - Der Mann, der sterben musste, weil er zu laut schnarchte

 Von der Texas State Police Steckbrieflich gesucht und mit einem Kopfgeld von 400$ auf seine Ergreifung ausgestellt war John Wesley Hardin, unter dem Decknamen "Wesley Clemens", mit einem Viehtreck nach Abilene in Kansas gezogen. Im Juli 1871 kam Hardin, der auf seiner Reise von anderen texanischen Cowboys den Namen "Arkansas" oder "Little Arkansas" erhalten hatte, in Abilene an. Doch Anfang August musste Hardin alias "Arkansas" Kansas bereits wieder fluchtartig verlassen. In der Nacht vom 6. auf den 7. August hatte er im Hotel "The American House" einen Mann namens Charles Couger im benachbarten Zimmer getötet. Wie man später sagen sollte, hatte der jähzornige, angetrunkene Hardin Couger erschossen, weil dieser zu laut geschnarcht hatte,

War dem wirklich so? Zumindest erwähnen lokale Zeitungen den Umstand, dass Couger geschnarcht hätte, in den Meldungen unmittelbar nach der Tat nicht. Allerdings nahmen selbst die lokalen Zeitungen in ihrer Berichterstattung die Details oft nicht ganz genau, wie beispielsweise dieser kurze Artikel aus dem Leavenworth Daily Commercial (Fort Leavenworth, Kansas) vom 10.8.1871, gerade einmal drei Tage nach der Tat, demonstriert:

Wild Bill Abilene Marshal
Wild Bill Abilene Marshal 10 Aug 1871, Thu Leavenworth Daily Commercial (Leavenworth, Kansas) Newspapers.com

Einmal abgesehen davon, dass die Zeitung es nicht einmal hinbekommt den Ort "Abilene" richtig zu schreiben, wurde hier offenbar kräftig Flüsterpost gespielt ehe dieser Bericht in der Zeitung abgedruckt wurde: Der Getötete hieß in Wahrheit Charles Couger, nicht Charles Coredey; Hardin wird korrekt als Texaner mit dem Rufnamen "Arkansaw" identifiziert, aber fälschlicherweise als "Smith Clemens" bezeichnet - er war unter dem Namen "Wesley" oder "Wes" Clemens unterwegs. Interessant ist, dass hier "Arkansaw" bereits fünf Morde in nur drei Monaten nachgesagt werden, was wahrscheinlich seine Zeit auf dem Viehtreck von Texas nach Abilene mit einschließt (manche Biographen vermuten, dass die Zahl in dieser Zeit sogar eher bei 8 oder noch mehr liegen dürfte).

Einen etwas ausführlicheren Bericht liefert dagegen der Abilene Weekly Chronicle am 17. August 1871:

John Wesley Hardin kills Charles Couger in Abilene, Texas, 1871
John Wesley Hardin kills Charles Couger in Abilene, Texas, 1871 17 Aug 1871, Thu The Abilene Weekly Chronicle (Abilene, Kansas) Newspapers.com

Auch wenn der Artikel viel mehr Details liefert und Hardin sowie das Opfer mit den richtigen Namen identifiziert, schleicht sich hier mindestens noch ein Fehler mit ein ("Wesley Clemens" wird fälschlicherweise als aus Mississippi kommend identifiziert). Obwohl auch hier nicht erwähnt wird ob Cougar geschnarcht haben mag oder nicht, ist die beschriebene Art seines Todes interessant: Couger wurde erschossen, während er auf seinem Bett saß und Zeitung las; vier Kugeln wurden durch die Wand in sein Zimmer gefeuert, von denen eine sein Herz traf und ihn wohl auf der Stelle tötete. Das Motiv, so die Zeitung, sei unbekannt. (Und obwohl die Zeitungen ihm geringe Fluchtchancen einräumen, sollte Hardin im Übrigen erfolgreich zurück nach Texas fliehen und seine "Laufbahn" als Revolverheld noch mindestens drei Jahre fortsetzen...)

Über den Tod von Charles Couger gibt es viele unterschiedliche Geschichten. In manchen davon kannten sich Hardin und Couger und waren in der Nacht gemeinsam ins Hotel gegangen; in anderen waren sie sogar zeitweise gemeinsam auf dem Chisholm-Trail geritten; in wieder anderen waren die beiden einander unbekannt. Doch das Gerücht, das Couger sterben musste, weil er zu laut schnarchte, sollte sich hartnäckig halten und wird von Hardin sogar in seiner eigenen Biografie aufgegriffen. Eine Zeitung in El Paso sollte den Revolverhelden mit den Worten zitieren "Die Leute sagenm ich hätte sieben oder acht Männer getötet, weil sie zu laut schnarchten. Das ist nicht wahr. Ich hab nur den einen getötet."

Tatsächlich scheint aber, sieht man sich den oberen Artikel genau an, an den Gerüchten etwas dran zu sein. Couger war offenbar beim Zeitung lesen, auf dem Bett sitzend, eingeschlafen. Hardin feuerte mehrmals durch die Wand, weil er vermutlich einen auf dem Bett liegenden Mann wecken wollte. Womit er nicht gerechnet hatte war, dass der Mann nicht flach auf dem Bett lag, sondern aufrecht saß...

(Dieser Artikel ist für mich auch aus einem weiteren Grund interessant, als dass er keine Zweifel am Schicksal des Täters lässt. "Der Mörder entkam und ist seinen Verfolgern bisher entgangen. Sollte er gefasst werden, wird er wahrscheinlich auf der Stelle getötet werden." heißt es hier; "Viele Leute sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht viel nützt, Mörder vor die Geschworenen von Davis County zu bringen, und wir befürchten, dass Mörder in dieser Gegend künftig im Schnellverfahren abgeurteilt werden." Der Gedanke an Lynchjustiz ist im wilden Abilene nicht fern...

(Im Anschluss noch eine volle Übersetzung des zweiten hier geposteten Artikels):

"MORD. In der Nacht des 6. Dezembers wurde im „American House“ in diesem Ort ein teuflischer Mord verübt. Der Name des Ermordeten war Charles Couger und der des Mörders Wesley Clemens, alias „Arkansaw“. Couger war ein Rinder-Boss und galt als Gentleman; Clemens stammt aus Mississippi. Couger saß in seinem Zimmer auf dem Bett und las eine Zeitung. Durch eine Bretterwand wurden vier Schüsse auf ihn abgefeuert, von denen einer ihn in den fleischigen Teil des linken Arms traf, die dritte Rippe durchschlug und in das Herz eindrang, wobei ein Stück des Herzens vollständig abgetrennt wurde und Couger fast sofort tot war. Der Mörder entkam und ist seinen Verfolgern bisher entgangen. Sollte er gefasst werden, wird er wahrscheinlich auf der Stelle getötet werden.

Der Gerichtsmediziner J.M. Shephard untersuchte die Leiche des Verstorbenen, und die Geschworenen kamen zu dem Schluss, dass Charles Couger durch eine Kugel aus einer Pistole von Wesley Clemens zu Tode kam.

Die Ursache für den Mord ist noch nicht bekannt. Viele Leute sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht viel nützt, Mörder vor die Geschworenen von Davis County zu bringen, und wir befürchten, dass Mörder in dieser Gegend künftig im Schnellverfahren abgeurteilt werden."

Mittwoch, 18. September 2024

4000$ - Tot oder lebendig!

 Die meisten "Wanted"-Plakate, die man bei oberflächlichen Suchen im Internet zu sehen bekommt, tragen unfassbar inflationäre Kopfgeldsummen von oft mehreren Tausend Dollars. Tatsächlich betrugen Kopfgelder selten mehr als einige wenige Hundert - selbst auf den berüchtigten "Billy The Kid" wurden nach seiner Flucht aus dem Gefängnis 1881, "nur" 500 Dollar ausgeschrieben und bei dieser Flucht hat er immerhin drei Menschen getötet. Die Summe ist aber gar nicht gering,  wenn man bedenkt, dass ein Dollar im Jahr 1881 nach heutigen Verhältnissen eine Kaufkraft von mehr als 30 Dollar hätte.

Es gibt aber auch Ausnahmen, und eine davon gilt niemand geringerem als dem wohl tödlichsten Revolverhelden seiner Zeit: John Wesley Hardin.

Im Januar 1875 beschloss der Senat von Texas, angestoßen vom Gouverneur höchstpersönlich, mit einer überwältigenden Mehrheit von 69 zu 9 Stimmen, dass der Staat Texas auf die Ergreifung John Wesley Hardin ein Kopfgeld von 4.000$ aussetzen würde - tot oder lebendig! Zu diesem Zeitpunkt wurden Hardin bis zu 27 Morde zugeschrieben. Nach einigen modernen Schätzungen könnte die Zahl bei bis zu 42 liegen - die meisten davon in einem Zeitraum von weniger als sechs Jahren.

reward for Hardinreward for Hardin 21 Jan 1875, Thu The Austin Weekly Statesman (Austin, Texas) Newspapers.com

Montag, 9. September 2024

6.7. Juli 1900: Zum Duell aufgefordert - und die Waffe vergessen

 Am 6. Juli 1900 kam Warren Earp bei einer Schießerei in Willcox (Arizona) ums Leben. Der jüngste Bruder des berüchtigten Wildwest-Marshals Wyatt Earp gegen ein Uhr morgens in einem Saloon mit dem Cowboy Johnny Boyett in Streit geraten und hatte jenen aufgefordert, seine Waffe zu ziehen - hatte im Suff jedoch vergessen, dass er selbst keinen Revolver bei sich trug. Der folgende Schusswechsel nahm ein einseitiges, vorhersehbares - und für Warren Earp fatales - Ende.

Der Vorfall wurde von zahlreichen Zeitungen in als auch außerhalb von Arizona aufgegriffen. Interessanterweise ist der Tenor der Artikel ziemlich einseitig: Der junge Earp neigte dazu, sich zu betrinken und im Suff ausfällig zu werden. Speziell mit Boyett sei Warren schon lange im Clinch gelegen, er habe diesen oft angefeindet, beleidigt und schikaniert. Boyett selbst sei hingegen nie auf Streit aus gewesen, habe aber in dem Moment, in dem Warren Earp ihn herausforderte, aufrichtig um sein Leben gefürchtet. "Boyett, hol deine Waffe, wir regeln die Angelegenheit hier und jetzt!" soll Warren Earp laut Zeugen gerufen haben, "Ich hab meine Waffe, geh du und hol deine!" Am Ende stellte sich heraus, dass Warren Earp nur ein "kleines, halb geöffnetes Taschenmesser" bei sich hatte - davon abgesehen "nichts, was man als Waffe hätte verwenden können."

Warren EarpWarren Earp 10 Jul 1900, Tue The Arizona Republic (Phoenix, Arizona) Newspapers.com

Western-Duelle haben im Film oft fast schon noble Anklänge, bei denen Gut gegen Böse antritt, Recht oder Ehre verteidigt werden müssen, kaltblütige oder kaltschnäuzige Begegnungen zweier gestandener Revolverhelden auf offener Straße unter strahlenden Himmel. Die Realität sah meist sehr anders aus: Die meisten Duelle waren hektische, meist spontane Schusswechsel zwischen zwei, meist angetrunkenen, Streithähnen - und nicht selten hatte nur einer von beiden auch eine Waffe dabei.


Sonntag, 21. Juli 2024

21. Juli 1865: Der Hickock-Tutt-Shootout; "Das" High-Noon-Westernduell

 Am 21. Juli 1865 ereignete sich in den Straßen von Springfield, Missouri, eines der berühmtesten Duelle des Wilden Westens, das wohl als Grundlage für den typischen Western-Gunfight dienen sollte: James Butler "Wild Bill" Hickock, schon damals kein Unbekannter - eine Zeitung dieser Tage nennt ihn "Wild Bill, den Scout", da er als solcher in den Reihen der Union während des Bürgerkriegs bekannt war - lieferte sich einen Schusswechsel mit David Tutt, einem ehemaligen konföderierten Soldaten. 

Dem Duell war, fast schon Western-typisch - ein Pokerspiel vorangegangen: Tutt forderte von Hickock 35$, die dieser ihm angeblich schulde. Hickock meinte, dass es nur 25$ seien, und das er ein Schriftstück in seinem Zimmer hätte, um dies zu belegen. Daraufhin griff Tutt Hickock's Taschenuhr, die jener auf dem Tisch vor sich liegen hatte, und kündigte an sie als Pfand zu behalten, bis Hickock seine Schuld beglichen habe.

Harper's New Monthly Magazine, Februar-Ausgabe 1867

In den folgenden Tagen sollte Tutt damit prahlen, den so berühmten Hickock um den Finger gewickelt zu haben. Freunde von Tutt begannen, Hickock zu sticheln, das Tutt vorhabe seine Uhr am nächsten Tag offen auf dem Platz an seiner Brust zu tragen, bis dieser sich zu der Aussage hinreißen ließ: „Er sollte nicht über diesen Platz kommen, es sei denn, Tote können laufen."

Entgegen allgemeiner Meinung fand das Duell nicht exakt zur Mittagsstunde, High Noon, statt: Zwar begegneten sich Hickock und Tutt am 21. Juli 1865 auf besagtem Platz, aber ein mit beiden bekannter Mann namens Eli Armstrong versuchte zu schlichten. Hickock bestand darauf, dass die Schuld nur 25$ betrüge; Tutt blieb dabei, dass es 35$ seien, und verlangte nun zusätzlich 10$ "Zinsen", ehe er die Uhr zurückgebe. Hickock wiederholte seine Drohung, ehe die beiden Streithähne wieder auseinandergingen.

Gegen 18 Uhr betrat Hickock, den Revolver in der Hand, erneut den Platz. Dort fand er Tutt vor, die Uhr an der Brust, der bei Hickocks Anblick ebenfalls die Hand zum Revolver gehen ließ. Nach einer kurzen Weile hoben beide ihre Waffen und feuerte jeweils einmal; Tutt verfehlte, während Hickock seinen Kontrahenten zwischen die Rippen traf, der sich noch zu seinen Freunden umdrehte und "Jungs, ich bin getötet" sagte, ehe er tot zusammenbrach. Hickock soll anschließend seine Waffe auf jene Freunde gerichtet und gerufen haben "Seid ihr nicht zufrieden, Gentlemen? Zeigt eure Schießeisen, oder es gibt hier bald noch mehr tote Männer!" Die so angesprochenen folgten der Aufforderung, und der Tag endete ohne weiteres Blutvergießen.

wild bill Springfield Weekly Patriot
27 Jul 1865, Thu · Page 3
wild bill Springfield Weekly Patriot 27 Jul 1865, Thu · Page 3 27 Jul 1865, Thu Springfield Weekly Patriot (Springfield, Missouri) Newspapers.com


Holt County Sentinel vom 4. August 1865; Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Auch die der Schießerei folgende Gerichtsverhandlung sollte als typische Mustervorlage für spätere "Western-Rechtssprechung" dienen. Hickock stellte sich selbst dem Gesetz, und nur einen Tag später fand sich "Wild Bill" vor Gericht wieder. Die Anklage lautete auf Mord: Schließlich war Hickock, Waffe in der Hand, auf den Platz gekommen und hatte im Vorfeld mehrmals seine Tat angedroht. Doch am Ende befand die Jury auf Freispruch: Die Aggression sei von Tutt ausgegangen, als er die Uhr an sich genommen hatte; Hickock habe Tutt mehrmals die Möglichkeit gegeben, die Sache beizulegen, was jener verweigert habe; und schließlich hätten beide Männer aufeinander geschossen, Hickock habe also auch aus Notwehr gehandelt.

Das Duell ist nicht zuletzt eines der Bekanntesten seiner Art, weil es sehr viele Zeugen sowohl von der Vorgeschichte als auch dem Vorfall selbst gab. Das im ganzen Land erscheinende Harper's New Monthly Magazine nahm den Vorfall zum Anlass, Hickock eine mehrseitige Reportage zu widmen; was den nicht einmal 30 Jahre alten "Wild Bill" endgültig als Revolverhelden bekannt machen sollte.


Dienstag, 11. Juni 2024

14. April 1881: Vier Tote in fünf Sekunden

Am 14. April 1881 ereignete sich in den Straßen der texanischen Boomtown El Paso, nahe der mexikanischen Grenze, eine der berühmtesten Schießereien des Staates Texas. Der Schießerei war ein Streit über in Mexiko gestohlene Rinder und die Ermordung zweier Mexikaner, die den Rinderdieben nachstellten, vorangegangen. Die getöteten Männer waren in der Nähe der Ranch eines gewissen John Hale gefunden worden.An der Schießerei beteiligt war Dallas Stoudenmire, der selbst erst drei Tage zuvor zum Marshal des rapide wachsenden Städtchens berufen worden war.

Die Schießerei wurde auch als der "Four Dead in Five Seconds Gunfight" bekannt und war, wie der Name andeutet, schnell vorüber und äußerst tödlich. John Hale und ein mit ihm befreundeter Rancher namens Georga Campbell - selbst ehemaliger Town Marshal von El Paso  - waren mit einem Deputy namens Gus Krempkau in Streit geraten. Krempkau hatte bei einer Anhörung hinsichtlich der getöteten Männer für die anwesenden Mexikaner spanisch übersetzt und dadurch in den Augen von Campbell und Hale zu sehr für die Mexikaner Partei ergriffen - stand doch implizit auch der Vorwurf im Raum, dass Angestellte Hale's in den vorausgegangenen Rinderdiebstahl und die Ermordung der zwei Mexikaner involviert gewesen sei. Während der Konfrontation zog ein stark angetrunkener Hale einen von Campbell's Revolvern und schoss - ob absichtlich oder unabsichtlich ist nicht geklärt - auf Krempkau, der tödlich getroffen zu Boden ging. Von dem Schuss aufgeschreckt sprang Dallas Stoudenmire, der eben auf der anderen Straßenseite zu Mittag gegessen hatte, auf, zog seine beiden Kaliber .44 Smith & Wesson Revolver und rannte aus beiden Waffen schießend auf die Straße. Nachdem die auch als “Battle of Keating’s Saloon" bekannte Schießerei nach nur wenigen Sekunden vorbei war, waren vier Männer tot oder lagen im Sterben: Krempkau, Hale, Campbell sowie ein weiterer unbeteiligter Mexikaner, der wohl von einer von Marshall Stoudenmire's Kugeln in den Rücken getroffen wurde als er versuchte wegzulaufen.

Die Nachricht über den Schusswechsel verbreitete sich in Windeseile und fand sich im Lauf der folgenden Woche in Zeitungen in den gesamten Vereinigten Staaten wieder, an Ost- und Westküste gleichermaßen. Am genauesten berichtete dabei noch die deutschsprachige "Freie Presse für Texas" über den Vorfall, die  sich in ihrem Bericht noch die Mühe machte, auch die Hintergründe der kurzlebigen und fatalen Schießerei aufzurollen:

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 11, 2024

Die meisten Zeitungen, die landesweit von den Vorfall berichteten, druckten in weiten Teilen den selben wohl via Telegraphen verbreiteten Bericht ab, der allerdings bereits einige Fakten durcheinander brachte: Statt von einer Schießerei, die effektiv im Streit über zwei ermordete Mexikaner ausgebrochen ar, zu berichten heißt es hier nun, während der Schießerei seien zwei (nicht ein) Mexikaner getötet worden; und Deputy Krempkau, der von Hale und Campbell als "Mexikaner-Freund" beschimpft worden war, wurde posthum selbst zum Mexikaner gemacht.

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Interessant übrigens, wie in einem Fall von Flüsterpost der -falsche- Grundtenor des Artikels erhalten bleibt, aber die Zeitungen selbst den ungewöhnlichen Namen "Krempkau" stets in einer anderen Falschen Variante wiedergeben. Die Freie Presse für Texas hatte ihn noch richtig genannt, in diesem Beitrag wird er hingegen "Kremkan" genannt; in anderen Versionen wird aus dem Namen etwa ein "Kremkaw" (Daily Los Angeles Herald, Kalifornien); "Kreman" (Watertown Republican, Watertown, Wisconsin); oder gar "Kremalus" (Eureka Daily Sentinel, Nevada).

Dallas Stoudenmire sollte nach dieser Schießerei im gesamten Land bekannt werden, auch wenn die Zeitungen in den ersten Tagen nach dem Vorfall nur recht wenig über die Identität des "Town Marshals", der "ohne Erfolg versucht hatte "die Unruhe zu dämpfen" (tatsächlich saß er als der Vorfall begann auf der anderen Straßenseite im Saloon seines Schwagers beim Mittagessen). Drei Tage später sollte ein ehemaliger Deputy Marshal namens Bill Johnson, der von Stoudenmire am Tag seiner Amtseinführung gefeuert und gedemütigt worden war, ein erfolgloses Attentat auf Stoudenmire durchführen. Dies sollte den Ruhm von Dallas Stoudenmire über die Grenzen des Staates Texas hinaus bekannt machen. Unter anderem berichtet der "Deutsche Correspondent" aus Baltimore, Maryland, am 20. April 1881 über "Stadtmarshall Dallas Studemeyer"...

 
Quelle: Chronicling America - Library of Congress

...wenngleich auch hier die Details ein wenig durcheinander gerieten (Bill Johnson war nur ein ehemaliger Deputy Marshal gewesen; Stoudenmire hatte aber während des "Four Dead in Five Seconds Gunfight" seinen Amtsvorgänger George Campbell erschossen).

El Paso war übrigens in diesen Tagen als ein heißes Pflaster bekannt: Ein Städtchen nahe der mexikanischen Grenze, durch welches drei Eisenbahnlinien liefen. Speziell die zwei direkten Eisenbahnverbindungen zwischen den USA und Mexiko, die in diesem Ort Halt machten, und der gleichzeitig boomende Rindermarkt ließen El Paso in Windeseile wachsen: Anfang 1880 hatten noch gerade einmal zwischen 700 und 800 Einwohner in dem Örtchen gelebt, doch bis zum April 1881 sollte diese Zahl bereits auf etwa 6000 anschwellen! Das machte El Paso selbst innerhalb von Texas als einen besonders wilden und gesetzlosen Ort bekannt, der in diesen Tagen auch unter dem Spitznamen "Hell Paso" bekannt wurde. Der "Brenham Daily Banner" (Brenham, Texas) hielt am 19. April 1881 die folgende nette Beschreibung über El Paso bereit:

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. accessed June 11, 2024

"Man stelle sich die Straßen von San Angela vor, nur mit den Dächern allesamt flach, und etwa 1000 betrunkene Männer, Eisanbahnarbeiter, Glücksspieler und Abenteurer die durch die Straßen torkeln, streiten und johlen, und man hat eine ziemlich akkurate Vorstellung von El Paso wie es gerade ist. Dass dort eines Tages eine gute Stadt entstehen wird, oder wahrscheinlich eher ein Stückchen weiter flußabwärts, daran hege ich keine Zweifel."


Flora Mundis alias Tom King (Teil 2) – Wie sich Legenden bilden

"Desperado Tom King erschießt einen ihrer Verfolger" – mit dieser markigen Überschrift macht der Guthrie Daily Leader am 17.12.189...