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Donnerstag, 24. Oktober 2024

13.2.1822: 100 "Unternehmunglustige junge Männer" gesucht - Die Rocky Mountain Fur Trading Company

Am 13.2.1822 veröffentlichte der "Missouri Gazette and Public Advertiser" (St. Louis, Missouri) erstmals die folgende kurze Anzeige:

13 Feb 1822, Wed Missouri Gazette and Public Advertiser (St. Louis, Missouri) Newspapers.com

Mit diesem Aufruf legten William H. Ashley - der bis zu diesem Zeitpunkt unter anderem Schießpulver verkauft hatte - und sein Geschäftspartner Andrew Harry - ein Patronenhersteller - den Grundstein für die "Rocky Mountain Fur Company". Sie hatten den Beschluss gefasst, selbst Jänger und Fallensteller in die erst vor wenigen Jahren durch die Louis & Clark Expedition erstmals erschlossenen Weiten des amerikanischen Nordwestens (die heutigen Staaten von Missouri und Montana) zu schicken, anstatt wie bislang üblich für Felle und Pelze Handel mit den lokalen Indianern zu betreiben. Zur Vorbereitung ihres Abenteuers gaben sie in den Zeitungen von St. Louis Anzeigen auf, in denen sie einhundert "unternehmungslustige junge Männer" suchten, "die den Missouri bis zu seiner Quelle hinauffahren und dort für ein, zwei oder drei Jahre angestellt werden".

Die Männer, die sich meldeten, wurden als "Ashley's Hundred" bekannt. Die Rocky Mountain Fur Company unternahm in den nächsten drei Jahren mehrere groß angelegte Pelzfangexpeditionen in den Westen. Anders als beispielsweise die Hudson's bay Company wurden für diese Unternehmung keine eigenen Forts errichtet - Ashleys Idee war es, dass sich Trapper, Indianer und Händler jährlich an einem bestimmten Ort treffen sollten, um Pelze, Waren und Geld auszutauschen. Das erste Rendezvous der "Mountain Men" fand 1825 am Henry's Fork des Green River in Wyoming statt.

Diese 100 Männer zählten zu den ersten "permanenten" weißen Bewohnern in den Gebieten der Rocky Mountains und Umgebung. Ashleys Innovationen im Pelzhandel brachten ihm Anerkennung und Geld ein und trugen dazu bei, den westlichen Teil des Kontinents für die amerikanische Expansion zu öffnen.

Übersetzung des Artikels folgt:

"An Unternehmungslustige junge Männer:

"Der Unterzeichner wünscht, EINHUNDERT MÄNNER zu engagieren, um den Missouri bis zu seiner Quelle zu befahren und dort für ein, zwei oder drei Jahre zu arbeiten. Für Einzelheiten erkundigen Sie sich bei Major Andrew Henry, in der Nähe der Bleiminen im County Washington (der mit der Gruppe reisen und sie anführen wird) oder beim Zeichner in St. Louis. Gezeichnet, Wm. H. Ashley"


Sonntag, 25. August 2024

7.9.1879: Jodeln in St. Louis

 Holidi-o-i-ri-di-oi... So wird die (Wieder-) Eröffnung des "Alten Tyroler-Haus" samt Auftritt von "Thony Sutterluety's Tyroler Alpensänger(n)" am 7. September 1879 angekündigt.

Quelle: Chronicling America - Library of Congress 

Doch diese Anzeige stammt nicht aus dem bayerisch-österreichischem Alpenrand, sondern aus dem "Anzeiger des Westens", der ältesten deutschsprachigen in den USA erschienen Zeitung aus St. Louis, die in den 1840er Jahren sogar eine größere Auflage als alle anderen (auch englischsprachigen) in Missouri erschienenen Zeitungen hatte. Und auch im Übrigen ist es durchaus amüsant zu sehen, wie deutsch-vertraut die Inhalte dieser alten Zeitung aus dem Wilden Westen auch heute noch wirken:

Quelle: Chronicling America - Library of Congress 

Königsschießen, Turnverein, Tanzakademie und Biergarten - auch im wilden Westen war das alles dabei!

Montag, 5. August 2024

21.4.1881: "Die Grenzen des Telefons sind noch nicht gründlich erprobt..."

Ich finde es immer wieder faszinierend, zu sehen, wie revolutionär heute selbstverständliche Technologien damals in den Jahren ihrer Erfindung waren - und wie unterschiedlich diese damals aufgenommen wurden. Anfang April 1881 wurde zwischen New Orleans (Louisiana) und dem etwa 330 Kilometer nördlich gelegenem Vicksburg (Mississippi) eine permanente Telefonleitung gelegt und nach einigen Tests dauerhaft beibehalten. Vielen überregionalen Zeitungen (und auch einigen in den betreffenden Staaten selbst) war dies keine größere Meldung wert. Allerdings habe ich in zwei texanischen Zeitungen, die beide am 21. April 1881 erschienen sind, kurze Meldungen zu diesem Ereignis gefunden. 

Der "Daily Democrat" aus Fort Worth wagt sich an eine - zu diesem Zeitpunkt alles andere als selbstverständliche - Prognose: "Die Grenzen des Telefons sind noch nicht gründlich erprobt, aber es ist genug bekannt, um zu rechtfertigen, dass sie in einigen Jahren den Telegraphen in erheblichem Maße verdrängen werden. Vor einigen Tagen wurden Experimente zwischen New Orleans und Vicksburg durchgeführt, die so zufriedenstellend verliefen, dass zwischen den beiden Städten eine Telefonzentrale eingerichtet wurde. Ein Kaufmann aus Vicksburg bestellte Waren bei seinem Korrespondenten in New Orleans, und der Ton wurde so korrekt übertragen, dass die Stimme des einen vom anderen erkannt wurde."

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 5th, 2024

Im Vergleich dazu haben die "Galveston Daily Newspaper" für diese Meldung gerade einmal 8-9 Worte übrig: "New Orleans ist nun mit Vicksburg telefonisch verbunden" heißt es dort lapidar. Viel wichtiger scheint in den Augen der Zeitung dagegen die Nachricht zu sein, dass das Pariser Modehaus Worth nun auch "Korsetts für Gentlemen" bewirbt! 

Quelle: Texas Digital Newspaper Program in The Portal to Texas History. University of North Texas Libraries. Accessed August 5th, 2024



Nebenbei wird hier auch die (nicht ganz uninteressante) Notiz erwähnt, dass für das Jahr 1881 ungefähr eine halbe Million Emigranten aus Europa in den USA erwartet werden, und das, falls der Fall des "drohenden Exodus aus Böhmen" eintrete, diese Zahl auf eine Million steigen könnte. Mir ist nicht ganz klar, auf welchen "drohenden Exodus" hier verwiesen wird; Zwar waren aus Böhmen durchaus (wie aus anderes Gebiete des Deutschen Reichs oder des Österreichischen Kaiserreichs auch) zwischen 1848 und 1910 zahlreiche Einwohner nach Amerika ausgewandert, aber für die frühen 1880er Jahre wäre mir kein Anlass für eine besonders große Auswanderungswelle bekannt.

Mittwoch, 24. Juli 2024

Kuriose Anzeigen aus dem Wilden Westen

Beim Durchstöbern alter Zeitungen aus der Zeit des Wilden Westens fallen mir immer wieder die Anzeigen auf, die aus heutiger Sicht kurios oder sonderbar erscheinen. In diesem Blogpost wollte ich einmal eine kleine Auswahl solcher Werbungen auflisten. 


Auslöser dieser kleinen Werbeschau ist diese Anzeige für Asbest-Dachdecken, gefunden im "The Daily Independent" aus Laramie City, Wyoming vor genau 150 Jahren (24. Juli 1874). "Praktisch Feuerfest", "weist Wasser effektiv ab", "das beste Produkt im Markt" - in solchen und ähnlichen Tönen werden die Wunder und Vorzüge aufgelistet, warum die (zu diesem Zeitpunkt) etwa 1000 Einwohner von Laramie ihre Häuser mit dem (heute nachweislich als gesundheitsschädlich und gefährlich bekanntem) Asbest decken sollten! 



Kokain gegen Haarausfall? Das scheint diese Anzeige aus dem Jahr 1879 zu implizieren! Die stimulierende Wirkung von Kokain galt in diesen Tagen als regelrechtes Wundermittel. Es ist nicht ganz klar, ob es sich in diesem Fall nicht eventuell um Etikettenschwindel handelt: Eine Flasche des Produkts aus dem Jahr 1906 soll laut Smithsonian Institute einfach nur zu je 50% aus Alkohol und Kokosfett bestehen... deswegen wohl auch "CocoA-ine". Aber in den 1880er Jahren war Kokain in mehreren Patentarzneimitteln enthalten: Kokain-Lutschtabletten wurden als wirksame Mittel gegen Husten, Erkältungen und Zahnschmerzen empfohlen (wie die unten gezeigte Anzeige aus dem März 1885 verdeutlicht). Ärzte und Apotheker verschrieben es häufig zur Behandlung von Verdauungsstörungen, Melancholie, Schmerzen und sogar zur Linderung von Erbrechen in der Schwangerschaft. Kokain war weithin verfügbar und konnte rezeptfrei erworben werden. Es wurde in Hustenmitteln, Einläufen und Umschlägen verwendet. Bis 1885 wurde Kokain in verschiedenen Formen verkauft - als Zigaretten, Pulver und sogar als Injektion mit einer Nadel. In der Medizin wurde es häufig als Lokalanästhetikum verwendet.


Allerdings kam Kokain um die Jahrhundertwende mehr als Droge in Verruf und verschwand um diese Zeit immer mehr aus handesüblichen Produkten. Ein Paradebeispiel: Im Jahr 1885 führte ein gewisser John Styth Pemberton aus Atlanta, Georgia, der zuvor Patentarzneimittel wie Triplex Liver Pills und Globe of Flower Cough Syrup hergestellt hatte, „French Wine Coca“ im Markt ein, das als „ideales Nerven- und Stärkungsmittel“ beworben wurde. Das Produkt basierte in hohem Maße auf dem Extrakt von Cocablättern. Im Jahr (1886) darauf brachte Pemberton einen Sirup namens „Coca-Cola“ auf den Markt, der nach einem Extrakt aus der Kolanuss benannt war. Zu verschiedenen Zeiten wurde er als „bemerkenswertes therapeutisches Mittel“ und als „souveränes Heilmittel“ für eine lange Liste von Beschwerden, einschließlich Melancholie und Schlaflosigkeit, beworben. Coca-Cola enthielt einst schätzungsweise neun Milligramm Kokain pro Glas. (Zum Vergleich: Eine typische Dosis oder „Linie“ von Kokain beträgt 50-75 mg.) 1903 wurde das Kokain schließlich aus dem "Coca-Cola" Sirup entfernt.


Schrotflinten und Kakao - Diese Anzeige aus einer Zeitung in Missouri aus dem Jahr 1879 finde ich vor allem wegen der - heute eher befremdlichen - Kombination der beworbenen Produkte amüsant.

"Die größte Show auf Erden" - P.T. Barnum kommt nach St. Louis! Der Schausteller war für seinen wandernden Zirkus - und nicht nur für die darin gezeigten artistischen Darbietungen, sondern auch für die ausgefeilten "Wunder und Sensationen" - die häufig nicht viel mehr waren als mit erfundenen Hintergrundgeschichten ausgestatteten Tricks und Täuschungen" - im ganzen Land berühmt. Da es Barnum aber auch wie kaum ein anderer in dieser Zeit verstand, die Werbetrommel zu rühren (wie diese ganzseitige Anzeige im St. Louis Post-Dispatch vom 11. August 1879 eindrücklich zeigt), gelang es ihm dennoch, Tausende Schaulistiger in seine Shows zu ziehen. "There's a sucker born every minute" ("Jede Minute wird ein Trottel geboren") ist ein Ausspruch, der dem "größten Showman aller Zeiten" gerne zugeschrieben wird.


Wo bekamen Bürger im Wilden Westen, vor 150 Jahren, ohne Internet und fernab jeder Buchhandlung, Gesetzestexte oder Vorlagen für rechtliche Dokumente und Urkunden her? Natürlich von ihrer lokalen Tageszeitung, wie der Cheyenne Daily Leader (Cheyenne, Wyoming) am 24. Juli 1874 selbst bewirbt. Amüsant auch, dass zwischen diese Eigenwerbungen auch eine Kleinanzeige zum Verkauf zweier Stuten samt Junghengsten eingebettet ist.


Warnung vor Nähmaschinen-Plagiaten, gefunden in der "Freien Presse für Texas" (San Antonio, Texas) aus dem März 1881. Auch im tiefsten Texas ist diese Anzeige irgendwie typisch deutsch, bewirbt sie doch Qualitätsarbeit, 6 Jahre Garantie und den Verweis, "echte" White-Nähmaschinen nur von "regulären authorisierten Verkäufern" zu beziehen. Und wo wir schon bei der deutschen Gemeinde im texanischen Wilden Westen sind...



...den etwa 4.000 Einwohnern des texanischen Ortes Brenham schien überaus wichtig gewesen zu sein, in welchen Lokalitäten überall der Mai-Bock von Anheuser-Busch bezogen werden kann, wie dieser Ausschnitt vom 24. April 1881 verdeutlicht (die 9 hier gezeigten Kleinanzeigen sind beileibe nicht die einzigen!). 



Sonntag, 21. Juli 2024

21. Juli 1865: Der Hickock-Tutt-Shootout; "Das" High-Noon-Westernduell

 Am 21. Juli 1865 ereignete sich in den Straßen von Springfield, Missouri, eines der berühmtesten Duelle des Wilden Westens, das wohl als Grundlage für den typischen Western-Gunfight dienen sollte: James Butler "Wild Bill" Hickock, schon damals kein Unbekannter - eine Zeitung dieser Tage nennt ihn "Wild Bill, den Scout", da er als solcher in den Reihen der Union während des Bürgerkriegs bekannt war - lieferte sich einen Schusswechsel mit David Tutt, einem ehemaligen konföderierten Soldaten. 

Dem Duell war, fast schon Western-typisch - ein Pokerspiel vorangegangen: Tutt forderte von Hickock 35$, die dieser ihm angeblich schulde. Hickock meinte, dass es nur 25$ seien, und das er ein Schriftstück in seinem Zimmer hätte, um dies zu belegen. Daraufhin griff Tutt Hickock's Taschenuhr, die jener auf dem Tisch vor sich liegen hatte, und kündigte an sie als Pfand zu behalten, bis Hickock seine Schuld beglichen habe.

Harper's New Monthly Magazine, Februar-Ausgabe 1867

In den folgenden Tagen sollte Tutt damit prahlen, den so berühmten Hickock um den Finger gewickelt zu haben. Freunde von Tutt begannen, Hickock zu sticheln, das Tutt vorhabe seine Uhr am nächsten Tag offen auf dem Platz an seiner Brust zu tragen, bis dieser sich zu der Aussage hinreißen ließ: „Er sollte nicht über diesen Platz kommen, es sei denn, Tote können laufen."

Entgegen allgemeiner Meinung fand das Duell nicht exakt zur Mittagsstunde, High Noon, statt: Zwar begegneten sich Hickock und Tutt am 21. Juli 1865 auf besagtem Platz, aber ein mit beiden bekannter Mann namens Eli Armstrong versuchte zu schlichten. Hickock bestand darauf, dass die Schuld nur 25$ betrüge; Tutt blieb dabei, dass es 35$ seien, und verlangte nun zusätzlich 10$ "Zinsen", ehe er die Uhr zurückgebe. Hickock wiederholte seine Drohung, ehe die beiden Streithähne wieder auseinandergingen.

Gegen 18 Uhr betrat Hickock, den Revolver in der Hand, erneut den Platz. Dort fand er Tutt vor, die Uhr an der Brust, der bei Hickocks Anblick ebenfalls die Hand zum Revolver gehen ließ. Nach einer kurzen Weile hoben beide ihre Waffen und feuerte jeweils einmal; Tutt verfehlte, während Hickock seinen Kontrahenten zwischen die Rippen traf, der sich noch zu seinen Freunden umdrehte und "Jungs, ich bin getötet" sagte, ehe er tot zusammenbrach. Hickock soll anschließend seine Waffe auf jene Freunde gerichtet und gerufen haben "Seid ihr nicht zufrieden, Gentlemen? Zeigt eure Schießeisen, oder es gibt hier bald noch mehr tote Männer!" Die so angesprochenen folgten der Aufforderung, und der Tag endete ohne weiteres Blutvergießen.

wild bill Springfield Weekly Patriot
27 Jul 1865, Thu · Page 3
wild bill Springfield Weekly Patriot 27 Jul 1865, Thu · Page 3 27 Jul 1865, Thu Springfield Weekly Patriot (Springfield, Missouri) Newspapers.com


Holt County Sentinel vom 4. August 1865; Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Auch die der Schießerei folgende Gerichtsverhandlung sollte als typische Mustervorlage für spätere "Western-Rechtssprechung" dienen. Hickock stellte sich selbst dem Gesetz, und nur einen Tag später fand sich "Wild Bill" vor Gericht wieder. Die Anklage lautete auf Mord: Schließlich war Hickock, Waffe in der Hand, auf den Platz gekommen und hatte im Vorfeld mehrmals seine Tat angedroht. Doch am Ende befand die Jury auf Freispruch: Die Aggression sei von Tutt ausgegangen, als er die Uhr an sich genommen hatte; Hickock habe Tutt mehrmals die Möglichkeit gegeben, die Sache beizulegen, was jener verweigert habe; und schließlich hätten beide Männer aufeinander geschossen, Hickock habe also auch aus Notwehr gehandelt.

Das Duell ist nicht zuletzt eines der Bekanntesten seiner Art, weil es sehr viele Zeugen sowohl von der Vorgeschichte als auch dem Vorfall selbst gab. Das im ganzen Land erscheinende Harper's New Monthly Magazine nahm den Vorfall zum Anlass, Hickock eine mehrseitige Reportage zu widmen; was den nicht einmal 30 Jahre alten "Wild Bill" endgültig als Revolverhelden bekannt machen sollte.


Dienstag, 2. Juli 2024

"Der weibliche Mut war der brutalen Gewalt und der Verzweiflung des Verbrechers, der vor der Justiz fliehen wollte, mehr als gewachsen" - Weibliche Gesetzeshüter

 Der Wilde Westen gilt allgemein als eine Zeit und Welt, in der "Männer noch echte Männer" waren; und die Geschichten und Berichte von legendären Revolverhelden und tapferen Gesetzeshütern sind entsprechend männlich dominiert. Gleichzeitig war aber die Frontier, bei aller Härte und Entbehrung die das Leben dort mit sich brachte, ein Raum der fernab der zivilisierteren Ostküste auch Frauen Gelegenheiten gab, in Rollen und Funktionen zu schlüpfen, die eigentlich Männern vorbehalten waren. 

Eine der heutzutage bekanntesten Damen, die eine Gesetzeshüter-Funktion erfüllten - und noch dazu auf höchster Ebene - war Phoebe Couzins, die am 26. September 1887 formell als einer von zwei US Marshals für den Staat Missouri eingeschworen wurde:

US Marshal Phoebe Couzins - date of appointment
US Marshal Phoebe Couzins - date of appointment 13 Oct 1887, Thu The Morning Call (Paterson, New Jersey) Newspapers.com

Phoebe Couzins erhielt diesen Posten, als ihr Vater, der zuvor US Marshal in diesem Gebiet war und für den Sie in den vergangenen zwei Jahren bereits als Deputy US Marshal gedient hatte, im Amt verstarb. Von den lokalen Behörden wurde Sie als die geeignetste Person angesehen, übergangsweise diesen Posten zu übernehmen, bis der US Präsident einen neuen Kandidaten berufen würde. Tatsächlich waren offenbar in dieser Zeit in Missouri viele der Ansicht, dass Phoebe Couzins sich durchaus dafür eignen würde, dieses Amt auch dauerhaft auszuüben:

Phoebe appointed Marshall
Phoebe appointed Marshall 07 Oct 1887, Fri St. Louis Post-Dispatch (St. Louis, Missouri) Newspapers.com

Da mit Grover Cleveland in dieser Zeit allerdings ein sehr konservativ geprägter Politiker im Amt war standen die Chancen hierfür eher gering, und nach nur zwei Monaten wurde bereits ein Mann als offizieller Nachfolger für diesen Posten berufen. 

Doch gerade Missouri sollte sich in dieser Zeit sehr offen für Frauen in Gesetzeshüterrollen zeigen. So wurde beispielsweise 1895 in Greene County, Missouri, nach dem Tod des hiesigen Sheriffs mir Mrs. Helen C. Stewart ebenfalls eine Frau als kommissarischer Nachfolger berufen, mit der Aussicht, dass auch sie das Amt potentiell auch als offiziell gewählter Vertreter weiter ausüben könnte: 

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Ein US Marshal wurde vom Präsidenten berufen und ein County Sheriff zumeist gewählt - was es Frauen in Zeiten, in denen sie noch nicht einmal ein Wahlrecht besaßen, deutlich erschwerte, überhaupt für ein solches Amt zu kandidieren, geschweige denn berufen zu werden. Doch Marshals oder Sheriffs konnten meist ihre Deputies selbst wählen - und so gibt es noch vor Mrs. Couzins und Mrs. Stewart durchaus mehrere Berichte von Frauen, die als Deputy US Marshal oder Hilfssheriff für Recht und Ordnung sorgten. Den frühesten Zeitungsartikel zu diesem Thema, den ich finden konnte, stammt aus dem Weekly Trinity Journal (Riverside, Kalifornien) vom 2. Juli 1870. Dieser schildert, dass im Iowa Territory, speziell im Des Moines County, die Ehefrau des amtierenden Sheriffs J.H. Latty, Esquire, ihm als Deputy zur Seite steht, das Gefängnis hütet und auch schon mal Gefangene in andere Jurisdiktionen überstellt - 25 Jahre vor Sheriff Helen Stewart oder 17. Jahre vor US Marshal Phoebe Couzins. 

Quelle: Chronicling America - Library of Congress

Diese Beispiele zeigen: In Zeiten, in denen Frauen weit weniger Rechte besaßen als Männer, boten sich ihnen im Wilden Westen oft mehr und früher Gelegenheiten, typische "Männerrollen" zu ergreifen, als in den "zivilisierteren" Staaten oder Ländern, obwohl - oder vielleicht auch gerade weil - das Leben im Wilden Westen oft gefährlicher, härter und entbehrungsreicher war.

Flora Mundis alias Tom King (Teil 2) – Wie sich Legenden bilden

"Desperado Tom King erschießt einen ihrer Verfolger" – mit dieser markigen Überschrift macht der Guthrie Daily Leader am 17.12.189...